Publikationen

Blog Carsten Brzeski

„Die schönste Nebensache der Welt“

Mindestens alle zwei Jahre toben sich Volkswirte aller Länder beim Analysieren fußballerischer Großereignisse aus. Ob Volkswirte, die manchmal Probleme haben, Wirtschaftswachstum oder Zinsentwicklungen gut vorherzusagen, sich nun wirklich als Fußballexperten versuchen sollten, bleibt dahin gestellt. Tatsache bleibt, dass Fußball, Wirtschaft und Börse viel gemeinsam haben.

Mittlerweile ist der Fußball, und sicherlich Großereignisse, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Eine McKinsey-Studie von 2010 zeigte, dass der Profifußball in Deutschland mehr als fünf Milliarden Euro Wertschöpfung erzeugt pro Jahr. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt einer mittleren deutschen Großstadt. In direktem Zusammenhang mit dem Fußball stehen demnach rund 110.000 Jobs. Und noch mehr: Netto fließen abzüglich aller Abgaben 1,5 Milliarden Euro Steuern dem deutschen Staat zu.

Auch fußballerische Großereignisse werfen ihre Schatten auf die Wirtschaft. So haben Weltmeister im Jahr des Titelgewinns fast immer ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum gehabt als der Vize-Weltmeister. Auch die Börse ist nicht unempfindlich für Fußball. Während der WM 2010 sank der Handelsumsatz an den Börsen um rund 50% sobald die eigene Mannschaft spielte. Man sollte in den kommenden vier Wochen also gut aufpassen, welche Mannschaft schon um 15 Uhr gegen den Ball treten muss. Deutschland spielt die ersten drei Spiele zum Glück erst nach dem Börsenhandel.

Fußball hat also einen Einfluss auf Konjunktur und Märkte. Gleichzeitig muss man Prognosen wer denn nun nächster Europameister wird genauso mit Vorsicht genießen wie viele Wachstumsprognosen. Denn häufig sind Emotionen stärker als rationale Erwartungen. So erwarten mehr als die Hälfte aller Spanier und Deutschen, dass ihr Land Europameister wird. Bei den Buchmachern kommen beide Länder gerade mal auf eine Siegchance von rund 20%. Eine auch Anlegern nicht ganz unbekannte „home bias“. Denn auch bei deutschen Aktiendepots setzt man auf das bekannte. 2015 entfielen einer Studie nach mehr als 60% der Aktienbestände in deutschen Depots auf deutsche Aktien.

Auch wenn König Fußball ab und zu Einfluss hat auf Konjunktur oder Märkte, so wird die EZB nicht ihre Geldpolitik wegen der EM verändern und entscheiden Sieg oder Niederlage auch nicht über Rezession oder Wirtschaftsboom. Fußball ist und bleibt die schönste Nebensache der Welt. Und ganz nebenbei ein willkommener Anlass für Analysten und Volkswirte, um sich auch auf der Arbeit damit beschäftigen zu dürfen.