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Blog Carsten Brzeski

Blick in die Glaskugel

Beim Blick in die Glaskugel benötigen Analysten nicht nur Wissen und Erfahrung, sondern auch eine Portion Fantasie. Ganz nach dem Motto „Unverhofft kommt oft“ waren in den letzten Jahren die abstrusesten Prognosen häufig die besten. Nach Brexit und Trump gehen dem Prognostiker beim Blick auf 2017 so langsam Fantasie und Superlative aus. Welche unmöglichen Ereignisse muss man vorhersagen, um Recht zu behalten?

Ob man es will oder nicht, der neue Präsident Trump wird die Welt 2017 (und länger) dominieren. Und das nicht nur mit seinen Berichten auf Twitter. Sein wirtschaftspolitisches Programm, mit Investitionen, Steuersenkungen und mehr Protektionismus, wird auch in Europa Spuren hinterlassen. Ganz direkt, wenn exportorientierte Länder wie Deutschland Zugang zum US-Markt verlieren. Und indirekt, wenn es Nachahmer in Europa findet und die Diskussion um das richtige Rezept gegen niedriges Wirtschaftswachstum wiederbelebt.

Politische Unsicherheit in Europa ist das andere große Thema. Unsicherheit in Italien nach dem Referendum und die Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland werden die Märkte dominieren. Die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone als Folge von Rechtspopulismus und Nationalismus wird wohl wieder ihr Unwesen treiben. Die Angst ist unbegründet. Dass nationale Wahlen und Brexit-Verhandlungen politische Zeit und Energie kosten werden, ist aber unbestritten.

Bei aller politischer Unsicherheit könnten die Märkte fast vergessen, dass 2017 auch das Ende der ultralockeren Geldpolitik eingeläutet werden könnte. Ganz langsam. Es sieht nämlich so aus, als ob die EZB Mitte des Jahres einen ersten Schritt zum Zurückfahren ihres Anleiheprogramms machen wird. Zusammen mit zwei Zinserhöhungen in den USA könnte die geldpolitische Welt fast unbemerkt eine erste Trendwende sehen.

Trotz politischer Unsicherheit, Aufgeregtheit und Marktschwankungen wird 2017 ein Jahr des Übergangs werden. Themen wie Brexit und Trump werden es dominieren, nur etwas unaufgeregter. Die Eurozone wird nicht auseinanderfallen, sondern zum Ende des Jahres einen Neustart wagen, legitimiert durch die Wahlausgänge.

Beim Blick in die Glaskugel muss man für 2017 nicht in Superlativen denken. Es ist nicht alles gut, aber unverhofft kommt zum Glück doch nicht immer oft.

Dieser Beitrag ist am 29.12.2016 in der Frankfurter Rundschau erschienen.