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Blog Carsten Brzeski

Brexit

Ein historischer Tag. Für einen bekennenden Europäer wie mich aber auch ein schrecklicher Tag.  Auch wenn das offizielle Endergebnis noch nicht da ist, scheint das Brexit-Lager uneinholbar vorne zu liegen. Zusammen mit den Kollegen aus London werden wir am frühen Vormittag eine längere Research Note veröffentlichen. Bevor diese kommt, hier schon eine kurze Stellungnahme.

Es sieht so aus, als ob Europas schlimmster Alptraum Wahrheit geworden ist. Sollte sich das Ergebnis bewahrheiten, werden die wirtschaftlichen und politischen Folgen noch lange zu fühlen sein. Die erste Marktreaktion gibt schon einen guten Vorgeschmack. Es steht ein langer, schwieriger und dreckiger Scheidungsprozess an.

Es wird nicht nur schwierige Verhandlungen mit Großbritannien geben. Europa wird sich auch mit sich selbst beschäftigen müssen. Nach dem heutigen Tag wird Europa nie mehr so sein wie bisher. Der Geist des Populismus und antieuropäischer Haltungen ist aus der Flasche entwichen und wird nur sehr schwer einzufangen sein. Europa befindet sich in einer existentiellen, in einer Identitätskrise. Nach dem Brexit ist vor der nächsten Exit-Gefahr. Schon jetzt gibt es Spekulationen über mögliche EU-Abstimmungen in Frankreich und den Niederlanden; zwei Gründungsmitglieder der EU. Die Wahrscheinlichkeit einer schleichenden Desintegration der EU und auch der Eurozone nimmt zu. Die Gefahr, dass die nächste Generation, unsere Kinder, diese Scherben aufräumen muss, auch.

Europa muss die Kritik und Skepsis in Teilen der Bevölkerung ernst nehmen. Die aktuelle Europa-Diskussion dreht sich fast immer nur um ‚mehr oder weniger’ Europa. Europa braucht eine neue differenzierte Diskussion über die Zukunft Europas. Eine Diskussion, in der positive Alternativen aufgezeigt und die Ängste ernst genommen werden. Eine Diskussion, die nicht sich nicht mehr um ‚mehr oder weniger’ drehen sollte, sondern um ‚mehr und weniger’. So könnte ein historisch schrecklicher Tag irgendwann vielleicht doch einmal als Anfang eines besseren Europas in den Geschichtsbüchern stehen. Das ist aber vielleicht nur der Traum eines verträumten Europäers.