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Blog Carsten Brzeski

Brexit – war da was?

Zu Beginn des Sommers waren die Finanzmärkte und Europas Politik außer Rand und Band. Das Ergebnis des britischen Referendums versetzte alle in Angst und Schrecken. Gut zwei Monate später redet kaum noch jemand über den Brexit - die britischen Konjunkturindikatoren steigen, und die Aktienmärkte sind wieder in die Nähe alter Höchststände zurückgekehrt. War was?

Die Vermutung liegt nahe, dass sich alle Experten beim Aufzeichnen der schlimmsten Horrorszenarien getäuscht haben könnten. So einfach ist es aber nicht. Die relative Ruhe nach dem Sturm lässt sich durch einige Faktoren erklären: So ist die erste Reihe der britischen Brexit-Befürworter nach dem Referendum abgetreten und von der tendenziell EU-freundlichen Theresa May ersetzt worden. Folglich werden weniger durch Geschrei, sondern mehr von Sachlichkeit geprägte Austritts-Verhandlungen erwartet. Außerdem erfreute sich die britische Konjunktur einer Welle von ausländischen Urlaubern, die noch schnell vom schwächeren Pfund profitieren wollten.

Die allerwichtigste Erklärung für die Ruhe ist allerdings, dass es den Brexit ja noch gar nicht gibt. Niemand weiß, ob, wann und wie Großbritannien aus der EU austreten wird. Und so bedeutet die Tatsache, dass das Votum bisher kaum wirtschaftliche Spuren hinterlassen hat, noch lange nicht, dass das auch so bleiben wird. Lange und zähe Verhandlungen werden über Großbritannien, aber auch die EU in den nächsten Monaten und Jahren eine Wolke der Unsicherheit legen. Von der existentiellen Krise der EU mal ganz zu schweigen. Die aktuelle Diskussion, aus Großbritannien nach dem Brexit ein Steuerparadies zu machen, macht die Verhandlungen mit der EU nicht einfacher. Diese Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Und es sind genau die Investitionen, die Großbritannien und dem Rest Europas fehlen.

Die letzten Jahre haben mehr als deutlich gezeigt, dass man in Europa sehr vorsichtig mit der Aussage sein muss, dass eine Krise überwunden sei. Ob Griechenland-Krise, Bankenkrise, Wachstumskrise oder Schuldenkrise: Es scheint in der Natur der europäischen Krisen zu liegen, dass sie immer wieder zurückkehren. Häufig sogar stärker und heftiger als zuvor. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn nun genau die größte politische und existentielle Krise der EU einfach so verschwände. Denn die Erfahrung lehrt, dass Wunder in Europa leider sehr selten geworden sind.

Der obige Beitrag wurde am 07.09.2016 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.