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Blog Carsten Brzeski

Brexit 2.0

Wieder wird Europa wach und reibt sich ungläubig die Augen. Das amerikanische Volk hat Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt (auch wenn Hillary Clinton sich wohl noch Zeit lassen will, die Niederlage zu akzeptieren). Was anfänglich aussah wie ein großer medialer Witz, ist Wirklichkeit geworden. Die Parallelen mit dem Brexit drängen sich auf, aber diese Wahl ist viel größer als Brexit plus oder Brexit plus, plus, plus.

Was der neue Präsident Trump wirklich bringen wird, ist undeutlich. Bleibt er ein mediales Phänomen, welches das Oval Office nur als Spielstätte für eigene Interessen benutzt, oder lässt er sich von erfahrenen Experten beraten und präsentiert ein richtiges umsetzbares Programm? Heute kann man darüber nur spekulieren. Es gibt deutlich mehr Fragen als Antworten. Wie geht Trump, der sich als Gegner des Establishments profiliert hat, mit seiner eigenen Partei um? Wie seine Partei, die nach gestern die Mehrheit im amerikanischen Kongress hat, mit ihm?

Aus bisherigen Aussagen Trumps lässt sich bestenfalls ableiten, dass er der amerikanischen Wirtschaft wohl einen defizit-finanzierten Schub geben wird. Die Kosten davon werden wohl steigende Schulden und diplomatische Spannungen sein.

Parallelen mit dem Brexit-Referendum drängen sich auf. Die Wahl Trumps ist meiner Meinung nach aber viel größer. Nicht nur weil – meine britischen Kollegen werden es mir nachsehen – die USA nun doch um einiges wichtiger sind in der Welt als Großbritannien. Natürlich wird Trump, wie die Brexit-Befürworter, zeigen müssen, ob er nur kritisieren kann, oder ob er wirklich realisierbare Antworten hat. Und natürlich sind Trump und Brexit Zeichen einer stark gespaltenen und polarisierten Bevölkerung. Anders als beim Brexit ist Trump allerdings ab Ende Januar Wirklichkeit und die Welt wird dann sofort erste Maßnahmen sehen. Wo der Brexit sich noch Monate in Undeutlichkeit hüllen kann, wird Trump schnell Farbe bekennen müssen. Auch wenn die Märkte sich ähnlich wie beim Brexit nach einigen Tagen oder Wochen der Turbulenzen wieder beruhigen werden, die spürbaren Folgen der Trump-Wahl kommen viel schneller als die des Brexit.

Europa und der Rest der Welt reiben sich die Augen. Erklärungen für das Phänomen Trump gibt es viele: die auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, die Suche nach nationalem Stolz und nationaler Identität in Zeiten der Globalisierung, die Abkehr vom politischen Establishment, Rassismus und, und, und. Die Liste der Antworten auf diese Probleme ist leider sehr kurz. Mit den bevorstehenden Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland im nächsten Jahr sind Europas Politiker gut beraten diese Antworten schnell zu finden.