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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Angst vor der eigenen Courage | 18.09.2015

Nach fast zehn Jahren hätte die Fed gestern endlich die Zinswende einläuten können – doch sie hat sich wieder einmal dagegen entschieden. Offiziell sind es die Entwicklungen in China und in den Schwellenländern, die zu einer Verschiebung geführt haben. Inoffiziell ist es allerdings wohl viel eher die Angst vor der eigenen Courage. Die Fed ist Spielball der Märkte geworden.

Es war von Anfang deutlich, dass die gestrige Entscheidung knapp werden würde. Im Vorfeld stand es 50:50 zwischen den Analysten, die eine Zinserhöhung sahen, und denen, die unveränderte Zinsen erwarteten. Die größte Überraschung des gestrigen Treffens ist daher eigentlich nicht so sehr die Zinsentscheidung, sondern eher die begleitenden Argumente. Die USA sind eine relativ geschlossene Volkswirtschaft. Die einheimische Konjunktur brummt wieder, der Arbeitsmarkt ist stark und die Löhne fangen an zu steigen. Alles Faktoren, die einen Nullzins nicht mehr rechtfertigen.Dass ein Land, das nur gut 2% seines BIP nach China exportiert, nun wirklich in Angst und Schrecken versetzt wird nur weil die chinesische Konjunktur abkühlt, scheint etwas übertrieben. Vielmehr scheint die Fed Spielball der Märkte geworden zu sein, die Angst vor der vermeidlichen Reaktion (und Tumulten) nach einer Zinserhöhung hat. Ob sie Recht hat oder nicht, werden die nächsten Wochen zeigen. Unserer Meinung nach hätte eine leichte Zinserhöhung mit nur wenigen weiteren in Aussicht gestellten Schritten eine positive und beruhigende Wirkung gehabt. Jetzt tappt jeder, inklusive der Fed, wieder im Dunkeln. Die Zinserhöhung scheint nicht nur um sechs Wochen verschoben zu sein, sondern mindestens bis zum Ende des Jahres.

Befürworter der Fed-Entscheidung werden jetzt auf den nicht vorhandenen Inflationsdruck weisen. Warum sollte die Fed auch die Zinsen erhöhen, wenn es gar keine Inflationsgefahr gibt? Und in der Tag, wie unser Chart of the Week zeigt, sind Inflation und erwartete Inflation im Augenblick sogar niedriger als in den Situationen, in denen die Fed in den letzten Jahren die Geldpolitik weiter gelockert hat. Dieser Zusammenhang unterstreicht allerdings auch ein größeres Phänomen. Nämlich, dass die großen Notenbanken immer weniger Kontrolle über die Inflationsentwicklungen haben. Im Zeitalter der Globalisierung sind weltweite Rohstoffpreise und Lohnentwicklungen viel wichtiger für die nationale Inflation als die Geldpolitik der Notenbank. Diese Probleme kennt die EZB auch nur zu gut. Wenn man sich dieses Problem gut vor Augen hält, wird es für die Notenbanken dieser Welt, allen voran die Fed, unheimlich schwierig, jemals wieder aus der aktuellen Nullnummer rauszukommen.

Für die Fed wird sich daher in den kommenden Wochen und Monaten die große Frage stellen: bleibt sie Spielball der Märkte und befeuert Märkte und Konjunktur so lange bis es kracht, oder überwindet sie die Angst vor der eigenen Courage?