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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Keine gute Woche für Wachstumsoptimisten | 09.10.2015

Diese Woche war keine gute Woche für die Wachstumsaussichten bezüglich der Weltwirtschaft. Sowohl im Weltwirtschaftsbericht des IWF als auch im gemeinschaftlichen Herbstgutachten des Münchner Ifo-Instituts, des Berliner DIW, des Essener RWI und des IWH aus Halle haben die Institute ihre Wachstumsaussichten nach unten korrigiert. Der IWF geht sogar davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr erstmal wieder so langsam wächst wie zuletzt 2008, dem Jahr, in dem die globale Finanzkrise ausbrach. Es ist nicht das erste Mal, dass der Konjunkturoptimismus zu Beginn des Jahres wieder einmal dem Pessimismus weichen muss. Immer mehr stellt sich die Erkenntnis ein, dass die Weltwirtschaft sich in einer Periode der sogenannten „secular stagnation“ befindet. Einer langanhaltenden Stagnation.

Der IWF hat gegenüber seiner Wirtschaftsprognose im April und im Juli die Wachstumsaussichten zahlreicher Länder einmal mehr nach unten korrigiert wie unser Chart der Woche zeigt. Insbesondere haben Schwellenländer mit den Folgen des Rohstoffpreisverfalls zu kämpfen. Für Brasilien wird nunmehr ein negatives Wachstum von 3% erwartet, was einem Rückgang gegenüber der Aprilprognose um 2%-Punkte entspricht. Aber auch die USA wachsen schwächer als im April angenommen. Immerhin beträgt das voraussichtliche Wachstum immer noch 2,6%, eine Rate von der so manche Euroländer nur träumen können. Und obwohl die Wirtschaft der USA zwischen 2% und 3% pro Jahr wächst und die Arbeitslosenquote bei kaum mehr als 5% liegt, kann die Volkswirtschaft anscheinend keinen höheren Zinssatz als null verkraften. Keine Aussichten also darauf, dass die weltweite Ära der lockeren Geldpolitik in allzu naher Zukunft ein Ende findet.

Für die gesamte Eurozone gab es keine Korrektur, was jedoch nicht dem vermeintlichen Spitzenreiter Deutschland zu verdanken ist, sondern vor allem Irland und Spanien, deren Wachstumsprognosen um 0,9%-Punkte und 0,6%-Punkte angehoben wurden. Die Aussichten für Deutschland wurden dagegen vom IWF um 0,1%-Punkt nach unten revidiert, von den deutschen Wirtschaftsinstituten sogar um 0,3%-Punkte. Die schwächere weltweite Nachfrage, die sich bereits in den Exportzahlen vom August zeigten (-5% MoM), der immer noch andauernde Flüchtlingsstrom, aber auch der hausgemachte Skandal um VW könnten die deutsche Volkswirtschaft belasten.

Einen kleinen Lichtblick gibt es zumindest: Während Griechenland die Märkte noch weit bis in die zweite Jahreshälfte in Atem gehalten hat und sich das BIP-Wachstum gegenüber der Aprilprognose um 5%-Punkte verschlechtern dürfte, werden keine negativen Auswirkungen mehr für den Rest der Eurozone erwartet.

Wenige Spitzenreiter, zunehmende Risiken durch Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern und Druck auf die Währungen sowie eine generell höhere Volatilität an den Finanzmärkten läuten das letzte Quartal des Jahres ein. Wieder einmal müssen sich Konjunkturforscher von ihrem anfänglichen Optimismus verabschieden und langsam an die vermeintliche Tatsache gewöhnen, dass die Weltwirtschaft wohl eine lange Zeit in diesem Zustand von zwar positivem, aber schwachem, Wachstum bleiben wird. Früher war eben doch alles besser.