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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Wohin steuert das Reich der Mitte?| 08.01.2016

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt, doch die negativen Nachrichten aus dem letzten Jahr setzen sich ungehemmt fort. Niedrige Rohstoffpreise, allen voran Öl, der DAX zeitweise unter der Marke von 10.000 Punkten, neue Konflikte im Mittleren Osten, anhaltende Flüchtlingswellen, oder aber auch die immer noch nicht abschließend geklärte Griechenland-Frage. Das Jahr 2016 zeigt schon jetzt, dass es turbulent weitergehen wird.

Als hartnäckiger Krisenherd erweist sich derweil auch China. War das Reich der Mitte in den letzten Jahren drauf und dran, den USA den Titel der weltgrößten Volkswirtschaft streitig zu machen, lassen die Währungsabwertungen und Börsencrashs an der Nachhaltigkeit des chinesischen Wachstums zweifeln. Sicherlich wenn man sich die Börsenentwicklung der letzten Tage anschaut. Dabei haben die Ereignisse vom letzten Sommer schon gezeigt, dass Börse und Realwirtschaft in China nicht so viel gemeinsam haben. Bevor man jetzt also in allzu große Depressionen fällt, sollte man Börse und Realwirtschaft in China getrennt voneinander analysieren.

An der Börse herrscht in der Tat Chaos. Die Kontrollmechanismen, die nach dem Crash vom letzten Sommer eingesetzt wurden, wirken mitunter viel eher destabilisierend, wie z.B. die automatische Handelsaussetzung in den letzten Tagen gezeigt hat. Und auch das seit sechs Monaten bestehende Verkaufsverbot für Großinvestoren, das im Rahmen der letzten Turbulenzen eingeführt wurde und heute ausgelaufen wäre, hat die Märkte verunsichert. Ersetzt wurde die Maßnahme vorerst durch die Regelung, dass Großaktionäre innerhalb von drei Monaten lediglich 1% ihrer Anteile an Unternehmen verkaufen dürfen. In drei Monaten dürfte es daher zu erneuten Marktschwankungen kommen, sollte nicht rechtzeitig eine neue Maßnahme verkündet werden.

Und auch die schrittweise Abwertung des Yuan beunruhigt die Aktienmärkte, möchte die chinesische Zentralbank den Yuan doch eigentlich stabil halten, um den zunehmenden Kapitalabfluss zu stoppen. Doch diese Maßnahmen sind nicht kostenlos, wie unser Chart der Woche zeigt. Denn die chinesischen Währungsreserven sind – wenn auch mit 3,3 Billionen US-Dollar immer noch beträchtlich – in den letzten Monaten zusehends geschmolzen. Seit Juni 2014 nehmen die Währungsreserven kontinuierlich ab und resultierten im Dezember mit -3,14% im größten prozentualen Rückgang der Währungsreserven seit 2003. Einerseits sorgt die Wachstumsschwäche Chinas für Kapitalabflüsse, was den Yuan drückt, und andererseits bewirkt das Gegensteuern der Zentralbank ein weiteres Schrumpfen der Reserven. Die kontrollierte Marktfreigabe kommt also zu einem nicht gerade niedrigen Preis und ist noch nicht mal annährend fertig.

Erweisen sich die Turbulenzen am Aktienmarkt und die Schwankungen um den Yuan also als Indikator für die chinesische Wirtschaft? Eher nicht. Denn der Aktienmarkt entkoppelt sich zunehmend von der Realwirtschaft. Die Fundamentaldaten der chinesischen Wirtschaft sind bei weitem nicht so schlecht, wie es die Kursbewegungen am Aktienmarkt erscheinen lassen. Der Übergang zu einer freieren Marktwirtschaft, getrieben durch Binnennachfrage anstatt durch die Exporte der großen Staatsunternehmen, ist einfach nicht mal eben so zu bewerkstelligen. So präsentierten sich der Dienstleistungs- und Einzelhandelssektor in letzter Zeit stärker und auch Infrastrukturinvestitionen zogen an. Zudem entweicht die Luft langsam aus der Immobilienblase.

Eins bleibt aber dennoch im Raum stehen und zwar die Unsicherheit. Die Unsicherheit gegenüber dem Kurs und den Maßnahmen der Regierung, die Unsicherheit an den Aktienmärkten, die Unsicherheit gegenüber den offiziellen Wirtschaftsdaten und die Unsicherheit über die tatsächliche Wachstumsschwäche der chinesischen Wirtschaft. Die heutige kleine Aufwertung des Yuan und die Aussetzung der automatischen Handelsbremse sorgten erstmals wieder für ein Aufatmen und steigende Kurse. Doch ohne zu wissen, wohin die Reise wirklich gehen soll, werden die Turbulenzen um China auch in diesem Jahr anhalten. Und China ist nur eines von vielen Themen, welches die Finanzmärkte 2016 in Atem halten wird…