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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Mit Frauen-Power gegen die demografische Herausforderung? | 11.03.2016
Passend zum Weltfrauentag am 8. März hat sich der Internationale Währungsfonds mit der Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen in Europa beschäftigt. Wenig überraschend stellen die IWF-Statistiker fest, dass diese nach wie vor zu einem geringeren Anteil als Männer am Erwerbsleben teilnehmen. Der Bericht weist auch darauf hin, dass das Tempo, in dem sich die „Beschäftigungslücke“ zwischen Männern und Frauen schließt, in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen hat. Dies werfe die Frage auf, ob sich durch entsprechende Ausgestaltung von Rahmenbedingungen tatsächlich die weibliche Arbeitsmarktbeteiligung weiter steigern ließe. Die geringere Beteiligung könne ja auch Ergebnis persönlicher Entscheidungen von Frauen über ihre Teilnahme oder Nichtteilnahme am Arbeitsmarkt sein.

Ergebnis einer begleitenden Studie zu diesem Thema war, dass sowohl die persönlichen Umstände (z. B. Anzahl von Kindern, Bildungsniveau) als auch die eigene Einstellung – beeinflusst beispielsweise durch Geschlechterrollen oder dadurch, ob die eigene Mutter berufstätig war – tatsächlich großen Einfluss auf die Entscheidung über eine Arbeitsaufnahme hatten. Aber auch der Steuersatz auf das zusätzliche Einkommen eines zweiten Verdieners in der Familie oder das Angebot von Kinderbetreuung können Frauen zur Aufnahme einer Beschäftigung motivieren oder davon abhalten.

Anstrengungen zur besseren Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen sieht der IWF-Bericht als lohnend an: So deute eine Vergleichsstudie darauf hin, dass Unternehmen mit einem größeren Frauenanteil im oberen Management bessere Ergebnisse erzielen. Allgemein seien die Positionen im oberen Management überall dort stärker männlich dominiert, wo Frauen zu einem höheren Anteil in Teilzeit arbeiten. Daher sei es geboten, Beschäftigungshemmnisse abzubauen und auf Chancengleichheit hinzuwirken, um das Beschäftigungspotenzial von Frauen besser zu nutzen.

Aus deutscher Sicht ist noch eine andere Feststellung des IWF-Berichts interessant. So liegt der Frauenanteil an der deutschen Erwerbsbevölkerung zwar im europäischen Mittelfeld, deutsche Frauen arbeiten aber häufiger in Teilzeit als Frauen in vielen anderen europäischen Ländern. Dadurch ist der Unterschied zur durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von Männern nur in wenigen Ländern so groß wie hierzulande. Betrachtet man geringere Arbeitsmarktbeteiligung und geringere Arbeitszeiten von Frauen zusammen, ergibt sich für Deutschland ein überdurchschnittliches Aufholpotenzial. Wie unser Chart der Woche zeigt, könnten die geleisteten Arbeitsstunden um rund 17% steigen, wenn es gelänge, die „Beschäftigungslücke“ zwischen Männern und Frauen zu schließen.

 

 

Das Heben dieses Potenzials könnte eine große Hilfe bei der Bewältigung des demografischen Wandels sein. Mit den unterschiedlichsten Mitteln versucht die Politik, die Herausforderung aus geringer Geburtenrate (= weniger zukünftige Beitragszahler) und steigender Lebenserwartung (= mehr zukünftige Leistungsempfänger) anzugehen. Wenn es gelänge, die Beschäftigungsquote und/oder die durchschnittliche Arbeitszeit von Frauen der von Männern anzunähern, könnten in Zukunft vielleicht Anhebungen des Renteneintrittsalters, Senkungen des Rentenniveaus oder Anhebungen der Rentenversicherungsbeiträge entfallen oder zumindest sanfter ausfallen.