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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Die Digitalisierung rollt heran – mit oder ohne Deutschland | 17.03.2016
Nach der „Versteigerung von Neuland“ in Form von Frequenzen für mobiles Breitband und dem Projekt Industrie 4.0 geht der Ruf nach Digitalisierung der Bundesregierung mit dem Ausrufen der „Digitalen Strategie 2025“ in die nächste Runde. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als die diesjährige CeBIT? Ob Chips, die unter die Haut gehen, Drohnen, die durch die Luft fliegen, oder Kleider aus dem 3D-Drucker – die Messe steht dieses Mal voll im Zeichen der Digitalisierung. Um weg vom Image einer reinen Computermesse zu kommen und die weltweit führende Plattform für Digitalisierung zu werden, konzentriert sich die diesjährige CeBIT daher voll auf die Themen Internet of Things, Big Data und smarte Mobilität.

Und auch wenn Deutschland mit der CeBIT bereits jetzt schon eine der wichtigsten Messen für Informationstechnik beherbergt, hinken die Unternehmen, die öffentliche Hand und die Gesellschaft des sich gern als Musterland preisenden Deutschlands hinterher. Denn schaut man sich die deutsche Performance im „Digital Economy and Society Index“ der Europäischen Kommission an, so landet Deutschland lediglich auf einem neunten Platz, wie unser Chart der Woche zeigt. Zwar konnte sich Deutschland im Gegensatz zum Vorjahr um einen Platz verbessern, doch die Transformation geht immer noch nicht wirklich schnell voran.

 

 

So ist und bleibt der Breitbandausbau nach wie vor ein Thema. Zwar gibt es einen flächendeckenden Breitbandzugang, der auch fleißig zum Online-Shopping genutzt wird, von schnellem Internet ist der Großteil der Deutschen jedoch noch meilenweit entfernt. Und auch die Nutzung sozialer Medien kommt nicht richtig in Gang. Besser sieht es hingegen bei der Verfügbarkeit grundlegender digitaler Kompetenzen aus und auch die Integration digitaler Technologien schreitet voran. Dass eine von Bitkom durchgeführte Umfrage jedoch ergab, dass 79 Prozent der Unternehmen sehr häufig oder häufig das Faxgerät als Kommunikationsmittel nutzen, lässt Zweifel an einer schnellen digitalen Transformation aufkommen. Richtig punkten können die Unternehmen hingegen beim elektronischen Informationsaustausch, hier führen sie die Liste sogar an. Am schlechtesten schneidet Deutschland bei digitalen öffentlichen Dienstleistungen ab, lediglich 19 Prozent der Internetnutzer nehmen elektronische Behördendienstleistungen in Anspruch, wogegen es im EU-Durchschnitt 32 Prozent sind. Ein Punkt mehr für Gabriels Agenda.

Die Nase vorn haben dagegen die skandinavischen Länder mit Dänemark, Schweden oder Finnland, die sich sehr viel digitalisierungsfreundlicher zeigen, sowie die Benelux-Staaten Niederlande und Belgien. Noch mehr Aufholarbeit als Deutschland müssen hingegen Griechenland und Italien leisten. Ein 25. und ein 26. Platz ist keine Glanzleistung, der Reformstau zeigt sich auch im digitalen Bereich.

Von nichts kommt nichts. Wenn wir uns über eins sicher sein können, dann darüber, dass die Digitalisierung rasend schnell voranschreitet. Mit oder ohne Deutschland. Die Unternehmen, die Wirtschaft und die öffentliche Hand sollten mit derselben Selbstverständlichkeit an die Digitalisierung gehen, wie die CeBIT – nämlich der weltweit bedeutendste Hotspot für die Digitalisierung zu werden. Auch Deutschland ist bei Innovationen und Reformen in Rückstand geraten. Allein das Ausrufen einer neuen Digitalstrategie bringt das digitale Zeitalter dabei nicht herbei. Die 100 Milliarden Euro, die Gabriel in die Hand nehmen müsste, um den Glasfaserausbau voranzutreiben, hingegen schon.