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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Schere, Kuchen und Krise | 24.03.2016
Die Schere geht weiter auseinander. In den meisten europäischen Ländern ist die Kluft zwischen höchsten und niedrigsten Einkommen während und nach der Finanzkrise gewachsen. Die Finanzkrise war dabei nicht Ursache, sondern Verstärker eines längeren Trends. Diesen Trend umzukehren, wird eine weitere Mammutaufgabe für Europa.

Eine aktuelle ING-Studie zeigt, dass vor allem die von der Krise hart getroffenen südeuropäischen Länder eine vergleichsweise schwache Einkommensentwicklung zu verzeichnen haben. Wie unser Chart der Woche zeigt, blieb in Spanien, Griechenland und Italien insbesondere die Einkommensentwicklung der ärmsten 5% deutlich hinter dem Wert der reichsten 5% zurück. In den unteren Einkommensklassen besteht üblicherweise ein Großteil der Einkünfte aus Arbeitseinkommen. Daher wirkte sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit in diesen Ländern besonders negativ auf die niedrigsten Einkommen aus, in denen kaum Kapitaleinkünfte enthalten waren. Transferzahlungen und Renten konnten diesen Einbruch nicht ausgleichen, Armutsrisiken stiegen.

 

 

In Deutschland hingegen sorgten stabile soziale Sicherungssysteme und ein insgesamt robuster Arbeitsmarkt dafür, dass die niedrigsten Einkommen sogar etwas stärker stiegen als die höchsten und die Einkommensungleichheit hierzulande insgesamt nahezu unverändert blieb. Andererseits kann man natürlich hinterfragen, wieso es trotz dieser guten Voraussetzungen nicht gelang, bereits bestehende Einkommensungleichheit hierzulande spürbar abzubauen und das Armutsrisiko zu reduzieren.

Auch dies ist eines der Ergebnisse der Studie: Obwohl viele der untersuchten Länder zum Ende des Betrachtungszeitraums eine wirtschaftliche Erholung aufwiesen, von der durch steigende Beschäftigung auch die unteren Einkommensklassen profitierten, so blieben deren Einkommenszuwächse doch unterdurchschnittlich. Um den Abbau von Einkommensungleichheit ernsthaft anzugehen, bedarf es also weiterer Anstrengungen: Strukturelle Reformen, aber auch eine stärkere Unterstützung der ärmsten Bevölkerungsteile durch Transferzahlungen scheinen nötig zu sein, um Einkommensunterschiede nachhaltig zu verringern. Die Mär vom Kuchen, der einfach nur größer werden muss, damit jeder auch ein größeres Stück bekommt, geht in der europäischen Wirklichkeit nicht überall auf.

Weitere Details und die vollständige (englischsprachige) Studie finden sie hier:
Download: ING-DiBa Economic Research „Die ungleiche Krise”
„The Unequal Crisis” auf der Seite der Think Forward Initiative