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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Brexit – Der Stein ist bereits im Rollen | 01.04.2016
Der Countdown läuft. In weniger als 100 Tagen wird die EU auf die Probe gestellt. Denn dann werden 46 Millionen Briten an die Wahlurnen gerufen, um am 23. Juni über den Verbleib ihres Landes im Staatenverbund abzustimmen. Wieder einmal – denn bereits 1975 fand ein erstes Referendum über die Vorgängerorganisation statt, welches das Brexit-Lager jedoch vorerst verstummen ließ.

41 Jahre später ist es nun erneut so weit, die Diskussionen um die umstrittene EU-Mitgliedschaft befinden sich in der heißen Phase. Glaubt man den Umfragen, wird es bis zuletzt spannend bleiben. Doch egal wie sich die Mehrheit letztendlich entscheidet: Dass ein EU-Austritt für Großbritannien zunächst negative Konsequenzen nach sich zieht, ist klar, alleine dadurch, dass z.B. Handelsabkommen neu verhandelt werden müssten.

Doch nicht nur für Großbritannien ziehen das Referendum und ein möglicher Austritt Konsequenzen nach sich. Auch die restlichen Mitglieder würden vom ersten EU-Austritt in der 23-jährigen Bestehensgeschichte betroffen und das nicht positiv, wie eine Studie von ING Eurozone Chefvolkswirt Peter Vanden Houte und ING-DiBa Chefvolkswirt Carsten Brzeski zeigt. Denn Europa stünde eine Periode geprägt von Finanzmarktturbulenzen mit Kollateralschäden für ausländische Direktinvestitionen, das Bankwesen und den Handel bevor. Über den Handelskanal würde ein Brexit den Rest der Eurozone am härtesten treffen und könnte dem bilateralen Handel erstmal einen ordentlichen Dämpfer versetzen.

So hätten Irland, Malta und die Niederlande mit den größten Konsequenzen zu kämpfen, wie unser Chart der Woche zeigt. Bis zu 0,8 Prozent des BIP könnten bis Ende 2017 wegfallen. Am geringsten würde ein Austritt Griechenland und Portugal betreffen, hier läge die kumulierte Wirkung auf das BIP bei 0,15 Prozent. Für das immer noch krisengeplagte Griechenland dennoch ein weiterer unnötiger externer Faktor. Die Eurozone hätte insgesamt mit einem Verlust von 0,3 Prozent des BIP zu rechnen, ebenso wie Deutschland und Spanien.

 

 

Sollte Großbritannien zugunsten des Brexit-Lagers abstimmen, sind weitere Turbulenzen garantiert. Dadurch, dass sich die EU mit Großbritannien auf einen Deal bezüglich Großbritanniens Sonderrolle eingelassen hat, macht sich die EU für Nachahmer verwundbar. Dass andere Mitglieder nun ebenfalls Ausnahmen oder Sonderregelungen fordern, ist alles andere als abwegig. Und ein Brexit könnte ebenfalls zur Folge haben, dass sich Schottland dann doch noch von Großbritannien abspaltet, was die negativen Auswirkungen auf Großbritannien, aber auch auf die EU und die Eurozone verlängern und verschärfen würde. Egal wie es letztendlich ausgeht, der Stein ist bereits im Rollen und fordert erste Tribute.

Die vollständige englischsprachige Studie finden Sie hier:
Download: ING Economic Research „Damage from a rolling stone”