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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Steht die nächste Finanzkrise schon in den Startlöchern? | 08.04.2016
Endliche Ressourcen und eine energiehungrige Welt – da schien es nur logisch, dass Öl nie wieder billig sein würde. Im Jahresdurchschnitt lag der Preis für die nordamerikanische Ölsorte WTI von 2011 bis 2014 immer um die 95 US$. Bei hohen Ölpreisen rechnet sich auch die Ausbeutung von Lagerstätten, aus denen nur mit höherem technischen Aufwand und entsprechenden Kosten gefördert werden kann. Dies betrifft zum Beispiel das umstrittene „Fracking“. Mit effizienteren Fördermethoden und der Erschließung neuer Lagerstätten baute die US-Ölindustrie ihre Kapazitäten stark aus und erhöhte die Fördermenge innerhalb weniger Jahre um fast drei Viertel. Mit Wohlwollen betrachtete die Politik nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der Branche, sondern auch die zunehmende Unabhängigkeit des Westens von Importen aus instabilen Weltregionen. Mitten in diesen Boom hinein sackte der Preis jedoch ab. Im Jahresdurchschnitt 2015 waren es keine 50, Anfang 2016 rutschte der Preis sogar auf deutlich unter 30 und liegt nach einer leichten Erholung derzeit noch immer bei unter 40 US$. Was war passiert?

Auch der Ölpreis bildet sich aus Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage wird vor allem von Erwartungen zur wirtschaftlichen Entwicklung bestimmt – laufen Produktionsanlagen auf Hochtouren und sind Güter zu transportieren, werden Ölerzeugnisse benötigt. Nachdem die Erholung der krisengebeutelten Volkswirtschaften in Europa und Nordamerika langsamer als erhofft Fahrt aufnahm, kam im Laufe des Jahres 2015 auch noch die energieintensive chinesische Wirtschaft ins Stottern. So konnte die Nachfrage mit dem gestiegenen Angebot durch neue Förderstätten und -methoden nicht Schritt halten, zumal sich auch die OPEC-Staaten nicht auf eine Drosselung ihrer Produktion einigen konnten. Der Fall des Ölpreises spiegelt also nicht nur das gestiegene Angebot und volle Lagerbestände wieder, sondern vor allem auch Bedenken bezüglich der weltweiten konjunkturellen Entwicklung. Aber Vielen bereitet der niedrige Ölpreis nicht nur als Indikator für geringe Nachfrage Sorgen.

Ein hoher Ölpreis macht einerseits die Erforschung und Entwicklung alternativer Energiequellen attraktiv und ist andererseits die Grundlage für die Nachfrage der Förderländer nach Produkten aus aller Welt (vgl. hierzu den Blogeintrag vom 04.02.2016). Außerdem ging die Verschuldung der US-Ölindustrie mit der steigenden Fördermenge Hand in Hand, wie unser Chart der Woche zeigt – die Expansion war also kreditfinanziert. Beim derzeitigen Preis brechen den Ölfirmen die Einnahmen weg, aus denen diese Kredite eigentlich bedient werden sollten. Und Fundstellen, aus denen zu aktuellen Preisen nicht mit Gewinn gefördert werden kann, dürfen nicht mehr als Reserven gezählt werden, was die Unternehmensbilanzen zusätzlich belastet.

 

 

Stark steigende Verschuldung zwecks Investition in eine vermeintlich rosige Zukunft, dann ein plötzlicher Preisverfall – wer denkt da nicht an die sogenannten Subprime-Immobilienkredite, die allgemein als Auslöser der weltweiten Finanzkrise 2007/08 gesehen werden? Der politische Wille, Menschen ins Eigenheim zu bringen, und freies Kapital auf der Suche nach Rendite befeuerten damals einen Immobilienboom in den USA. Selbst schlecht verdienende Kreditnehmer erhielten tilgungsfreie Hauskredite in der Annahme, die Zinsen aus dem vermeintlich stetig steigenden Wert der Immobilie bezahlen zu können. Als die Preise dann aber sanken, platzten diese Kredite reihenweise, was Banken zunächst in den USA und in der Folge auch weltweit unter Druck setzte. Droht nun ein ähnliches Szenario?

Eines der Hauptprobleme der Subprime-Krise war die gebündelte Verbriefung und weltweite Veräußerung von Immobilienkrediten. Die teils unübersichtliche Konstruktion dieser „Mortgage-Backed Securities“ führte zu großen Vertrauensverlusten in der gesamten Finanzbranche: Wenn man nicht wusste, wie stark eine Bank tatsächlich betroffen war, konnte man ihr Ausfallrisiko nicht einschätzen. Die Geschäfte zwischen Banken kamen so teilweise zum Erliegen; viele Geldhäuser hatten Schwierigkeiten, sich zu refinanzieren. Dies führte zu einer Einschränkung der Kreditvergabe und beeinträchtigte so auch die Realwirtschaft. Im Gegensatz dazu wären Kreditausfälle in der Ölindustrie für die betroffenen Banken natürlich problematisch; sie wären aber eingrenzbar und trügen nicht die Ansteckungsgefahr in sich, die 2007/08 zum Tragen kam.

Es entfällt außerdem ein selbstverstärkender Effekt der damaligen US-Immobilienkrise: Die Banken verschärften aufgrund der Ausfälle ihre Kreditkriterien, somit gab es weniger potenzielle Hauskäufer. Gleichzeitig kamen viele Häuser aus geplatzten Hypotheken unter den Hammer. Durch sinkende Nachfrage und steigendes Angebot verfielen die Preise weiter. So ein Szenario droht in der Ölindustrie nicht. Hier sollten eventuelle Pleitefälle über sinkende Fördermengen und dadurch wieder steigende Preise die übrigen Firmen der Branche stützen können. Schockwellen sind daher nicht auszuschließen, aber eine Marktbereinigung der US-Ölbranche sollte die Welt nicht in die nächste Krise stürzen.