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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Im Namen des Sparers | 22.04.2016
„Strafzinsen“ oder „Enteignung der Sparer“ – das sind noch einige der harmloseren Vokabeln, mit denen die Niedrig- bzw. Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank hierzulande kommentiert wird. Tatsächlich legen gerade die Deutschen ihr Vermögen weniger als andere Europäer in Sachwerten an, sondern lieber in verzinslichen Spar- und Versicherungsprodukten. Deren gesunkene Renditen bringen die Finanzplanung vieler Deutscher durcheinander – kein Wunder also, dass vor allem aus dem Eurozonenland mit der höchsten Sparquote scharfe Kritik am Vorgehen der EZB geübt wird.

In seinem Ärger über die Politik der Währungshüter weiß der deutsche Sparer die heimischen Banken an seiner Seite. Nicht ganz so plakativ wie manche Journalisten und Politiker, aber trotz wohlgesetzter Worte nicht weniger deutlich, formulieren die Vertreter der Branche ihre Kritik und weisen auf die widrige Lage der Zinssparer hin. Aber ist es wirklich alleine das Wohl ihrer Kunden, das den Banken- und Verbandschefs am Herzen liegt – wenn denselben Kunden regelmäßig neue Kontogebühren auferlegt und Filialen geschlossen werden?

Unser Chart der Woche zeigt das Verhältnis zwischen Zins- und Provisionsergebnis (Gebühren) für eine Auswahl von Banken aus Deutschland und anderen Ländern der Eurozone. Insbesondere für Sparkassen und Genossenschaftsbanken fällt dabei eine hohe Abhängigkeit vom Zinsergebnis auf. Diese leiden somit besonders darunter, dass es immer schwieriger wird, mit der langfristigen Anlage kurzfristiger Einlagen Geld zu verdienen. Kein Wunder also, dass man ein Ende der Niedrigzinsphase herbeisehnt.

 

 

Außerdem tragen hiesige Banken im europäischen Vergleich offenbar eine hohe Kostenbasis mit sich herum. Übliche Kennzahl hierfür ist die Cost-Income-Ratio, die bei den deutschen Instituten meist höher liegt als im europäischen Vergleich. Hier dürfte die hohe Dichte an Geschäftsstellen eine Rolle spielen; trotz gelegentlicher Schließungen gibt es in keinem anderen europäischen Land so viele Bankfilialen – auch gemessen an der Einwohnerzahl. Zudem schlagen sich vor allem die deutschen Großbanken immer noch mit Altlasten aus der Vergangenheit herum – in Form von ausfallgefährdeten Krediten und Rechtsrisiken.

So räumte auch EZB-Präsident Mario Draghi auf seiner gestrigen Pressekonferenz zwar ein, dass die niedrigen Zinsen eine Belastung für manche Banken sein können – betonte aber, dass auch das jeweilige Geschäftsmodell dafür verantwortlich sei, wie gut ein Kreditinstitut die derzeitigen Herausforderungen meistern könne.

Aufgrund der nur langsam voranschreitenden wirtschaftlichen Erholung und der nach wie vor mauen Inflationserwartungen werden niedrige Zinsen wohl bis auf weiteres der neue Normalzustand sein. Daher werden viele deutsche Banken vermutlich auch in Zukunft daran arbeiten, mit Gebühreneinnahmen ihre Abhängigkeit vom Zinsergebnis zu verringern und ihre Kosten zu stutzen – kaschiert mit weiterer Kritik an der EZB.