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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Schluck aus der Pulle – oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein? | 04.05.2016
Kürzlich veröffentlichte das Statistische Bundesamt die finalen Zahlen zur Lohnentwicklung 2015. Bei einer nominalen Steigerung der Bruttoverdienste im Produzierenden Gewerbe und Dienstleistungsbereich um 2,7% sorgte vor allem die mit 0,3% noch immer extrem niedrige Inflation dafür, dass die Reallohnentwicklung mit 2,4% den höchsten Wert seit 1992 erreichte. Im Zeitraum seit 2010 sind die Reallöhne somit um fast 6% angestiegen – der höchste Wert über eine solche Zeitspanne, seitdem diese Statistik geführt wird (1991). Viele Analysten bejubeln ein Ende der Lohnzurückhaltung und den Anfang eines wunderbaren Konsumaufschwungs. Ist das wirklich so?

Nicht ganz. Die Lohnentwicklung seit dem Höhepunkt der Finanzkrise ist nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass die Reallöhne während der Krise – und auch schon in den Jahren zuvor – so stark gesunken waren, dass erst 2014 wieder der Sprung über das Niveau von 2003 gelang. Von daher holt ein Großteil der jüngeren positiven Entwicklung nur auf, was den Arbeitnehmern in der Krise und den Jahren zuvor inflationsbereinigt verlorengegangen war.

Bereits vor der Krise war die Entwicklung der Reallöhne alles andere als berauschend, wie unser Chart der Woche zeigt. Nach dem Anstieg in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung haben die Reallöhne fast ein Jahrzehnt lang stagniert. War es anfänglich noch die im Vergleich zu heute deutlich höhere Inflation gewesen, die einen Großteil der teilweise recht ordentlichen Lohnsteigerungen wieder auffraß, so wirkte sich in den folgenden Jahren vor allem eine Politik der Lohnzurückhaltung aus.

 

 

Bei dieser Politik der Lohnzurückhaltung handelte es sich um ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sorgte sie bei steigenden Löhnen in anderen – vor allem europäischen – Ländern für eine steigende Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Andererseits nahmen spiegelbildlich hierzu die Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder sowie auch die Kaufkraft im eigenen Land ab. Weiterhin einer der fundamentalen Hauptgründe für die immer noch bestehenden wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone.

Insgesamt sind die Reallöhne hierzulande seit 1991 nur um knapp über 7% oder 0,3% pro Jahr gestiegen – sicherlich kein Grund zum Jubeln. Da kann es kaum verwundern, dass in den aktuellen Tarifrunden aus dem Gewerkschaftslager wieder höhere Forderungen zu hören sind. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das aktuelle Gegenangebot in der Metallbranche. Neben der Produktivitätssteigerung lassen die Arbeitgeber hier die Inflation einfließen – und zwar die derzeitige von 0,3%, nicht die Zielgröße der Europäischen Zentralbank von „unter, aber nahe 2%“.

Ein Zeichen dafür, dass sich die mittelfristigen Inflationserwartungen vom offiziellen EZB-Ziel abgekoppelt haben. Umgekehrt sind niedrige Lohnabschlüsse für das Erreichen einer „normalen“ Preissteigerung auch nicht hilfreich – ein Beispiel für die gefürchtete Selbstverstärkung deflationärer Effekte. Für die deutsche Inlandsnachfrage und das Wohl der gesamten Eurozone bleibt zu hoffen, dass sich die Reallohnentwicklung der letzten paar Jahre fortsetzt.