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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Unter der strahlenden Fassade bröckelt es gewaltig | 13.05.2016
Das Musterland der Eurozone hat ein robustes erstes Quartal hingelegt, die Wirtschaft ist um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen. Damit verzeichnet Deutschland die stärkste Quartalsperformance seit dem ersten Quartal 2014 und ist stärker als die Eurozone gewachsen, die ein Wachstum von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal aufweisen kann. Heimischer Konsum und eine hohe Bauaktivität haben zusammen mit dem milden Wetter das Wachstum befeuert. Doch unter der Oberfläche bröckelt es. Nicht nur lesbar in enttäuschenden Industrieproduktionszahlen, dem einstigen Wachstumsmotor, sondern auch gut sichtbar in Schulen, auf Straßen und maroden Brücken. Fehlende Investitionen, fehlende Strukturreformen und eine alternde Gesellschaft werden Deutschland langfristig das Leben schwer machen.

So gab es in den letzten Wochen auch gleich zwei Rüffel vom IWF. Einmal in Form eines Working Papers „Structural Reform in Germany“ und einmal in Form des Deutschland-Berichts. Zu lange schon ruht sich das Land auf seinen früheren Erfolgen aus. Arbeitsmarktpolitische Reformen wie die Lohndezentralisierung auf Unternehmensebene aus der „Agenda 2010“ und den „Hartz-Reformen“ stärkten die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zwar nachhaltig, neue Impulse sind aber seitdem bislang ausgeblieben. So zeigt auch unser Chart der Woche, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Eurozonenländern reformmüde ist. Gerade diejenigen Länder, die großen makroökonomischen Herausforderungen wie z. B. einer hohen Arbeitslosenrate gegenüberstehen, haben in den letzten Jahren viele notwendige Reformen auf den Weg gebracht. Die wohlhabenden industriellen Volkswirtschaften haben dagegen ihre Reformbemühungen schleifen lassen.

 

 

Der IWF fordert daher von Deutschland vor allem auf kommunaler Ebene die öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur zu erhöhen, mehr Wohnraum zu schaffen, die Beschäftigungssituation für Flüchtlinge, Frauen und ältere Arbeitnehmer zu verbessern, sowie aufgrund der steigenden Lebenserwartung das Renteneintrittsalter an eben diese zu koppeln, ergo zu erhöhen. So wird auch im Working Paper die Alterung der Bevölkerung als größtes Wachstumshindernis neben einem Arbeitsmarkt, der einen hohen Anteil an Mini-Jobs und Teilzeitarbeit aufweist, angesehen. Um die strukturellen Schwächen zu vermindern, könnten z.B. Sozialabgaben im Niedriglohnsektor reduziert oder aber auch die Steuern für Zweitverdiener gesenkt werden. Zudem sollten generell die Ausgaben erhöht werden, um die Investitionsschwäche zu umgehen – eine Forderung, die besonders Herrn Schäuble nicht gefallen dürfte.

Probleme und strukturelle Schwächen, die sich nicht mal eben so lösen lassen, sondern langfristiger Pflege bedürfen und eben auch nicht die klassischen Prestigeprojekte darstellen. Mehr als ein Jahr vor den nächsten Wahlen kann einem also Angst und Bange werden beim Blick auf neue Reformen. Deutschland hatte und hat noch immer die fast einzigartige Möglichkeit, neue Reformen in wirtschaftlich guten Zeiten durchzuführen und nicht wie die meisten anderen europäischen Länder darauf zu warten, dass es wirtschaftlich wieder schlecht geht. In diesem Sinne besteht die Gefahr, dass Deutschland gerade eine wahnsinnig gute Chance einfach liegen lässt. Denn ein Wachstum, das sich auf Bau und Konsum stützt, ist zwar schön aber ganz bestimmt nicht nachhaltig. Einen richtig gesunden Wachstumsmix würde es daher auch erst geben, wenn die Investitionen wieder anziehen, sowohl die öffentlichen als auch die privaten. Ansonsten wird nicht nur die Fassade weiter munter dahin bröckeln.