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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Auf dem Weg zum Dienstleistungsparadies? | 20.05.2016
Deutschland bleibt immer noch der starke Mann Europas. Das starke Wachstum im ersten Vierteljahr 2016 hat doch viele Skeptiker überrascht. Trotz Tumulten an den Finanzmärkten, Wachstumsproblemen in China und den negativen Auswirkungen der niedrigen Ölpreise auf die amerikanische Konjunktur wuchs die deutsche Wirtschaft mit 0,7% im Vergleich zum Vorquartal. Das Interessante am deutschen Wachstum ist, dass vor allem Bau, Konsum und Dienstleistungssektor Zugpferde der Konjunktur geworden sind. Vor allem der Dienstleistungssektor ist in den letzten Jahren still und leise eine Quelle stetigen Wachstums geworden. Wird Deutschland nicht nur Exportweltmeister, sondern auch Dienstleistungsparadies?

Wie unser Chart der Woche zeigt, hat sich die Beschäftigung im Dienstleistungsbereich bereits über die letzten zwei Jahrzehnte deutlich stärker entwickelt als in der Industrie. Die relative Bedeutung der Wirtschaftszweige verschiebt sich also. Dies ist auch eine mögliche Erklärung für die nach wie vor niedrig erscheinenden Zahlen zur Investitionstätigkeit – für die Erbringung von Dienstleistungen sind schlicht und einfach weniger Vorleistungen erforderlich, in die investiert werden müsste.

 

 

Gleichzeitig fällt auf, dass der Dienstleistungsbereich durch eine langsamere Produktivitätsentwicklung gekennzeichnet ist. Die wirtschaftliche Aktivität hierzulande (und übrigens auch weltweit) verschiebt sich also von schnell zu langsam wachsenden Wirtschaftsbereichen. Die Gründe hierfür sind noch nicht ganz klar. Ist es wirklich eine strukturelle Veränderung weg von der traditionellen Industrie und hin zur Dienstleistungsgesellschaft? Oder sind es einfach die Industrieunternehmen, die immer mehr Dienstleistungen rund um ihre Produkte anbieten? Ein interessantes Thema für zukünftige Forschung.

Etwas Gutes hätte eine Verschiebung hin zur Dienstleistungsgesellschaft auf jeden Fall: Unserem Chart ist ebenfalls zu entnehmen, dass die Produktivitätsentwicklung im Dienstleistungsbereich zwar langsamer, aber auch weniger volatil verläuft als in der Industrie. Ein stärkerer Dienstleistungssektor würde die Wirtschaft stabiler machen gegen externe Schocks. Vom Dienstleistungsparadies ist Deutschland noch weit entfernt. Dem Idealbild einer Volkswirtschaft, die weniger anfällig ist für globale Entwicklungen und Krisen, ist man allerdings ein Stück näher gekommen.