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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Vom Mannschaftsbus zum Geldtransporter? | 02.06.2016
Geld schießt keine Tore – diese Weisheit wird immer wieder gerne bemüht, seitdem schon vor Jahrzehnten die Kommerzialisierung im Fußball Einzug gehalten hat. Auch Fußball-Nostalgiker werden aber nicht bestreiten, dass gute Spieler Geld kosten – und zwar immer mehr. Diese spezielle Art der Inflation zeigt sich auch an den Nationalmannschaften. Die Transfermarktwerte der besten Teams Europas bewegen sich inzwischen im mittleren dreistelligen Millionenbereich.

Schießt Geld also doch Tore? Wie unser Chart der Woche zeigt, konnte man bei den großen Turnieren von 2006 bis 2012 diesen Eindruck gewinnen. Den Anfang machten die Italiener, die mit dem teuersten Team der WM 2006 den Titel aus Deutschland mitnahmen. Dann begann die Dynastie der nicht minder kostspieligen spanischen Teams, die in den folgenden Jahren zwei Europa- und eine Weltmeisterschaft gewinnen konnten. Erst 2014 beendete der deutsche WM-Sieg in Brasilien diese Serie – während die Spanier mit dem noch immer teuersten Team eine Bauchlandung hinlegten und nicht einmal über die Gruppenphase hinauskamen. Auch die Mannschaft von Jogi Löw kochte aber natürlich nicht auf finanzieller Sparflamme – die Marktwerte unserer Weltmeister überschritten locker eine halbe Milliarde Euro.

 

 

Für die bevorstehende Europameisterschaft steht der amtierende Weltmeister nun in diesem Ranking ganz oben – mit gerade einmal 4,5 Millionen Euro Vorsprung vor den Spaniern. Den Rekord für den am höchsten bepreisten Einzelspieler bei der EM halten allerdings deren Nachbarn aus Portugal: Die für Cristiano Ronaldo gelisteten 110 Millionen Euro alleine übertreffen die gesamten Teamwerte von neun anderen EM-Teilnehmern.

Unabhängig vom Erfolg der jeweiligen Mannschaften fällt insgesamt auf, dass die Marktwerte der Spieler offenbar nur eine Richtung kennen: nach oben nämlich. Der durchschnittliche Marktwert der betrachteten Teams stieg während der letzten zehn Jahre von 265 auf 390 Millionen, was einer jährlichen Inflationsrate von 3,9% entspricht. Bei der Europäischen Zentralbank kämpft man derweil mit allen Mitteln darum, die Preissteigerung endlich deutlich von der Nulllinie wegzubewegen – und ärgert sich vielleicht, dass Fußballprofis nicht in den Warenkörben enthalten sind, mit denen die Statistiker die Inflation ermitteln…

Hinweis: Herangezogen wurden die über transfermarkt.de abrufbaren Marktwerte der 23 Mann starken Kader zum Zeitpunkt der letzten Aktualisierung vor dem jeweiligen Turnier. Betrachtet wurden Mannschaften mit mindestens zwei Platzierungen unter den besten vier seit 2006. Für 2016 wurden die aktuellen Spielerbewertungen des niederländischen Kaders aus 2014 zugrunde gelegt, da das Team nicht an der bevorstehenden EM teilnimmt und somit keinen aktuellen 23er-Kader benannt hat. Bei Europameisterschaften findet kein Spiel um Platz drei statt; die unterlegenen Halbfinalisten wurden für den Chart daher jeweils zwischen Platz drei und vier eingestuft (betrifft Deutschland und Portugal 2012).