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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Des einen Freud, des anderen Leid – Geldpolitik, Brexit-Sorgen und sinkende Zinsen | 17.06.2016
Unruhige Tage vor dem Brexit-Referendum. Während sich die 10-jährige Rendite griechischer Anleihen am Dienstag zu neuen Höhen aufschwang und erstmals seit Mai wieder die 8%-Marke überschritt, verabschiedete sich die Rendite der Bundesanleihe zum ersten Mal überhaupt ins Negative. Deutschland gesellt sich damit in eine Riege zur Schweiz und Japan. Unterdessen tauchte der Dax in tiefe Gewässer ab, während uns gleich vier Notenbanken – die Fed, die Bank of Japan, die Bank of England und die Schweizerische Nationalbank – diese Woche mit ihren weniger spektakulären, da unveränderten monetären Entscheidungen beglückten.

Nicht die heimische Konjunktur gibt Anlass zur Sorge, sondern die internationalen Ereignisse. So haben alle großen Notenbanken mit Blick auf einen möglichen Brexit erst mal die Füße still gehalten. Bis zum Brexit-Referendum befindet sich die Konjunktur in Wartestellung. Nach wie vor ist also kein Ende der lockeren Geldpolitik in Sicht, auch nicht auf der anderen Seite des Atlantiks.

Dass die lockere Geldpolitik jedoch ein zweischneidiges Schwert ist, zeigt einmal mehr unser Chart der Woche. So sinken einerseits die Kreditkosten, andererseits verringern sich aber auch die Zinsen auf Ersparnisse. Wie sieht also netto die Situation für die Haushalte der Eurozone aus?

 

 

Die EZB veröffentlichte zu dieser Thematik diese Woche eine kurze Analyse, die wir in unserem Chart of the Week wiedergeben. Zwar sanken die Zinserträge der privaten Haushalte in der Eurozone seit Herbst 2008 um 3,2 Prozentpunkte als Anteil am verfügbaren Einkommen, im selben Zeitraum verringerten sich jedoch auch die Zinszahlungen um 3 Prozentpunkte. Ist die Geldpolitik also doch ein voller Erfolg und nimmt gar keinen größeren Einfluss auf die Einkommenssituation? Wie immer gilt in der EU und in der Eurozone: Was für den einen gut ist, muss nicht unbedingt auch gut für den anderen sein. Denn während sich im Eurozonen-Durchschnitt die gegenteiligen Wirkungen der Geldpolitik ausbalancieren, sieht es bei der Einzelbetrachtung der Länder schon anders aus.

Obwohl sich in Deutschland und Frankreich der Rückgang von Zinserträgen und Zahlungen in etwa die Waage hält, ist in Italien der Zinsertragsrückgang mehr als doppelt so hoch wie der Rückgang der Zinszahlungen. In Spanien wiederum profitieren die Haushalte überproportional von sinkenden Zinszahlungen, da spanische Haushalte eine hohe Verschuldung aufweisen, während italienische Haushalte vermehrt in zinstragende Aktiva investiert haben.
Ein Blick auf den Chart zeigt, dass die Geldpolitik der Eurozone nicht für jedes Land gleich vorteilhaft ist. Wer jedoch denkt, dass der deutsche Sparer der größte Verlierer der aktuellen Politik der EZB ist, sollte gut auf Italien schauen. Gleichzeitig wird auch wieder einmal bewiesen, dass eine „Durchschnittspolitik“ nicht jedem Land gleichermaßen hilft.

Von der Geldpolitik der EZB ist Großbritannien nicht betroffen. Trotzdem will ungefähr die Hälfte des Landes zurück zu kompletter Unabhängigkeit. Unabhängigkeit ohne Kosten, die für alle Menschen Verbesserung bringt. Zu schön, um wahr zu sein. Nächste Woche wissen wir, ob dieser Traum geplatzt ist oder weitergeht.