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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Divided Europe - der Riss zwischen Jung und Alt | 01.07.2016
Wir blicken auf eine turbulente Woche zurück, deren Nachwirkungen noch immer in Europa und auch in Übersee spürbar sind. Gleich ein doppelter Brexit, starke Ausschläge an Aktien-, Devisen- und Rentenmärkten, die Suche nach einem neuen Premierminister, zudem offizielle und inoffizielle EU-Treffen. Mit dem Ausgang des Referendums müssen wir uns nicht nur auf weitere ungewisse Wochen und Monate, sondern bei Inkrafttreten des Artikels 50 des Lissabonner Vertrages auch auf weitere ungewisse Jahre einstellen.

Wenn das britische Referendum eins verdeutlicht hat, dann dass es sich beim Vereinigten Königreich um einen tief gespaltenen Staat handelt. Nicht nur dadurch, dass 48 Prozent der Wähler für einen Verbleib gestimmt haben, sondern auch durch die regionale und die altersmäßige Teilung. Denn gerade die jungen Leute haben sich für einen Verbleib in der EU stark gemacht. So entschieden sich laut Meinungsforschungsinstitut YouGov 71 Prozent der 18-24-jährigen und 54 Prozent der 25-49-jährigen für einen Verbleib, während die Altersgruppe 50+ lediglich zu 40 Prozent und weniger für das In-Lager votierte. Und gleich nach Verkündung des Wahlausgangs wurden im restlichen Europa Rufe nach einem eigenen Referendum laut, wie in den Niederlanden, in Frankreich oder in Österreich. Zwar sind die Risse innerhalb der Gesellschaft in diesen Ländern noch nicht so groß, aber politische Sprengkraft kann sich auch hier ganz schnell entwickeln.

 

 

Denn der Riss innerhalb der Bevölkerung ist nicht nur auf das britische Inselreich begrenzt. Wenn wir uns die Umfrage des PEW Research Centers ansehen, die wir in unserem Chart der Woche aufgreifen, so zeigt sich deutlich, dass junge Leute generell ein positiveres Bild von der EU haben als ältere. So summiert sich die Generationenlücke in Frankreich auf ganze 25 Prozentpunkte, während es in Deutschland noch 14 Prozentpunkte sind. Auch in den Niederlanden und Polen haben junge Leute ein deutlich positiveres Bild als ältere. Und sogar in Griechenland sagt die EU immer noch mehr jungen Leuten zu, obwohl das Gesamtbild hier durchweg schlecht ausfällt. Lediglich in Italien herrscht ein homogeneres Bild, hier wird die EU in der älteren Generation sogar positiver gesehen als in der jüngeren.

Auch wenn Schätzungen zufolge sehr viel weniger junge Leute abgestimmt haben als ältere, lässt sich die Generationendifferenz doch nicht wegdiskutieren. Der Angst vor Jobverlust, Immigration, einem immer schnelleren Lebensrhythmus durch Globalisierung auf der einen Seite stehen oftmals die gesehenen Vorteile der Personenfreizügigkeit und damit des internationalen Austausches und der internationalen vielfältigen Möglichkeiten auf der anderen Seite gegenüber.

Was also lässt sich daraus schlussfolgern? Zunächst einmal: Wählen gehen. Denn nur dann kann man überhaupt seine Zukunft selbst in die Hand nehmen. Und sonst? Schaut man sich Umfragen der Europäischen Kommission z.B. aus den 1980er und 1990er Jahren an, gab es immer schon eine größere Zustimmung der Jüngeren zur Europäischen Gemeinschaft. Die aktuelle Generation 50+ war also nicht immer so Europa-kritisch wie im Augenblick. Das heißt aber auch, dass die Menschen im Laufe ihres Lebens den Mehrwert von Europa immer weniger sehen oder schätzen.

Im schlimmsten Fall ist der Brexit der Anfang von einem schleichenden Ende europäischer Integration. Im besten Falle ist der Brexit ein Weckruf für Politiker und Bürger, um Europa zu verändern und Europa wieder ein Projekt der Herzen zu machen. Ein Projekt, das nicht nur den Jüngeren Hoffnung gibt, sondern ein Projekt, dass diese Hoffnungen, Träume und Wünsche auch Wahrheit werden lässt.