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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Auch schon auf Monsterjagd? | 15.07.2016
„Smombie“, so lautete das Jugendwort des Jahres 2015, gekürt von einer Jury im Auftrag eines Wörterbuch-Verlags. Das Kofferwort aus „Smartphone“ und „Zombie“ beschreibt Menschen, die durch die Bedienung ihres Mobiltelefons so abgelenkt sind, dass sie wie die aus Horrorfilmen bekannten Untoten durch die Gegend laufen und ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen in nächster Zeit ungewohnt viele Vertreter dieser Spezies über den Weg laufen. Nach einem famosen Start in Australien, Neuseeland und den USA brechen die Downloadzahlen des neuen mobilen Spiels „Pokémon Go“ nun auch hierzulande alle Rekorde. Viele Menschen werden in nächster Zeit also noch mehr als bisher auf ihre Smartphones starren. Möglicherweise ist dieses Ablenkungspotenzial auch einer der Gründe dafür, dass sich die rasante technische Entwicklung der jüngeren Vergangenheit nicht in messbaren Produktivitätsfortschritten niederschlägt… Was aber ist „Pokémon Go“ eigentlich?

In einer Abwandlung der Pokémon-Spiele aus den 90er Jahren sammeln die Spieler kleine Monster ein, die ihnen auf dem Smartphone-Bildschirm in das Kamerabild ihrer realen Umgebung eingeblendet werden (sog. „Augmented Reality“). Per GPS werden die Spieler zu den Fundorten der Tierchen geleitet, die man anschließend virtuell trainieren und in ebenfalls per „Augmented Reality“ erzeugten Arenen gegeneinander antreten lassen kann. Dabei ist der Download des Spiels selbst zwar kostenfrei möglich; für allerlei virtuelles Zubehör oder auch ein Armband, das die Nähe von Pokémons durch Vibration anzeigt, können die Nutzer aber je nach Interesse beträchtliche Summen ausgeben. Aus den überwältigenden Downloadzahlen erahnt der Markt offenbar ein großes Einnahmepotenzial für den Pokémon-Eigentümer Nintendo – der sich zuvor lange gegen den Trend gestellt und die Entwicklung von Spielen für Smartphones abgelehnt hatte. Binnen weniger Tage verdoppelte sich der Aktienkurs der Japaner nahezu.

Dabei war die vor allem als Hersteller von Spielkonsolen bekannte Firma zuletzt alles andere als ein Liebling der Anleger gewesen. Im Konsolenmarkt war dem früheren Marktführer schon länger kein großer Wurf mehr gelungen; die Verkaufszahlen der aktuellen Modelle konnten mit der Konkurrenz von Sony und Microsoft nicht mithalten. Neue Perspektiven eröffnen sich nun nicht etwa aus einer neuen und besseren Generation von Spielkonsolen, sondern aus einem Produkt, auf das die Welt wohl nicht unbedingt gewartet hatte, das sie aber trotzdem im Sturm zu erobern scheint.

 

 

Wie unser Chart der Woche zeigt, erinnert die Kursentwicklung an den Wiederaufstieg eines anderen Unternehmens – zwar in nicht ganz so rasantem Tempo, aber doch unter ähnlichen Vorzeichen. In den 1980ern hatte sich ein wenige Jahre zuvor in einer Garage gegründetes Unternehmen die Mission auf die Fahnen geschrieben, die Dominanz der etablierten Spieler auf dem Personal-Computer-Markt zu brechen. Doch nachdem die von Apple ausgerufene Revolution ausgeblieben war und der PC nach IBM-Standard mit den Microsoft-Betriebssystemen MS-DOS und später Windows zum quasi universellen Standard wurde, rangierte der Konzern nur noch unter ferner liefen. Dementsprechend dümpelte auch der Aktienkurs vor sich hin. Den Aufstieg zum nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen der Welt leitete aber kein neuer, besserer Personal Computer ein – sondern vielmehr ein Gerät, dem es gelang, trotz anfänglicher Schwächen eine komplett neue Produktkategorie zu begründen: das iPhone.

Niemand kannte bis dato Smartphones, daher hatte sie auch niemand vermisst. Doch auf einmal wollte jeder eines haben. Platzhirsche wie der Weltmarktführer Nokia verkannten die Zeichen der Zeit und taten die telefonierenden Taschencomputer als Spielerei ab, die sich auf dem Massenmarkt nicht dauerhaft durchsetzen würde. Mittlerweile sind es die Finnen, die sich aus dem Markt für Mobiltelefone komplett zurückgezogen haben.

Diese Parallelen bedeuten natürlich nicht, dass Nintendo nun das neue Apple wird. Die Nachhaltigkeit des jüngsten Erfolgs muss sich erst noch zeigen – nicht umsonst stellt unser Chart Jahre und Tage gegenüber. Beide Beispiele führen aber vor Augen, dass Unternehmen manchmal dann am erfolgreichsten sind, wenn sie nicht einen bestehenden Bedarf der Kunden möglichst gut befriedigen – sondern es schaffen, einen neuen zu wecken, von dem sogar die Kunden selbst vorher nichts geahnt hatten.