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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Das kleinere Übel? | 22.07.2016
82%. Das ist die Mehrheit, auf die sich die Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten Hillary Clinton stützen kann – in Deutschland zumindest. Das unversöhnliche und radikale Auftreten ihres republikanischen Gegenkandidaten Donald Trump verschreckt offenbar die an Besonnenheit und Seriosität gewohnten Deutschen, von denen nur 5% dem Milliardär aus New York ihre Stimme geben würden. So zumindest die Ergebnisse einer Forsa-Umfrage für das Magazin stern. Klare Verhältnisse also – die sich auf das Land, in dem im Herbst tatsächlich gewählt wird, aber nicht übertragen lassen.

Zwar haben auch viele Amerikaner eine nicht eben vorteilhafte Meinung von dem Mann, der auf dem gerade zu Ende gegangenen Parteikongress der Republikaner offiziell nominiert wurde. Doch so eigenartig das für hiesige Ohren auch klingen mag: Mit seiner Konkurrentin verhält es sich nicht viel anders. In Deutschland ist die Gattin des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton neben ihrer Vergangenheit als First Lady vor allem als Außenministerin während Barack Obamas erster Jahre im Gedächtnis – ein Amt, das hierzulande traditionell einen Sympathiebonus hat. Gleichzeitig macht sie ihre Vergangenheit jedoch zu einer beispielhaften Repräsentantin des Washingtoner Establishments, das vielen US-Bürgern als vom Wähler schon lange entfremdete Politikerkaste verhasst ist. Widersprüche, in die sie sich während einer Untersuchung zu über private Kanäle verschickten dienstlichen E-Mails verstrickte, machen es den Republikanern darüber hinaus leicht, sie als Lügnerin zu brandmarken.

Kein Wunder also, dass beide Kandidaten vom Wahlvolk überwiegend als „unfavorable“ (unvorteilhaft) wahrgenommen werden, wie unser Chart der Woche zeigt. Offenbar entscheiden sich viele Amerikaner nur für einen der Kandidaten, um den jeweils anderen zu verhindern – sie wählen also das aus ihrer Sicht kleinere Übel.

 

 

Aus ökonomischer Sicht sind natürlich vor allem die Wirtschaftsprogramme der Kandidaten von Interesse. Diese spielen aber im ganz auf die Kandidaten zugeschnittenen Personenwahlkampf eine eher untergeordnete Rolle. Donald Trump steht im Wesentlichen für das klassische republikanische Verständnis, dass sich der Staat aus der Wirtschaft weitestgehend heraushalten soll. Sein Lager setzt auf weitreichende Steuersenkungen, die sich durch den daraus resultierenden ökonomischen Stimulus selbst tragen sollen – ein Konzept, das in den 80er Jahren nach dem damaligen republikanischen Präsidenten als „Reaganomics“ bezeichnet und mit durchwachsenem Erfolg angewandt wurde. Außerdem soll unter einem Präsidenten Trump die unter Obama erstmals eingeführte allgemeine Krankenversicherungspflicht abgeschafft werden, die den Republikanern als Bevormundung und bürokratisches Monster verhasst ist.

Trump, der sich gerne als Fürsprecher des kleinen Mannes profiliert, verspricht aber, dass auch in Zukunft jeder, der sich krankenversichern will, die Möglichkeit dazu haben soll. Auch sonst verleiht er dem libertären republikanischen Ansatz eine ganz eigene Note – zum Beispiel durch seine protektionistische Rhetorik. So will er die heimische Wirtschaft durch zahlreiche Zölle vor billiger ausländischer Konkurrenz schützen und mit der wirtschaftlichen Macht der USA andere Länder unter Druck setzen, seine Bedingungen in bilateralen Abkommen zu akzeptieren. Unter anderem will Trump so Mexiko dazu bringen, selbst die Mauer zu finanzieren, die er an der Grenze errichten lassen will, um Einwanderung von dort zu begrenzen. Angesichts eines ohnehin schon schwächelnden Welthandels lässt derartiges Gedankengut bei Ökonomen die Alarmglocken schlagen.

Steuern senken will auch Hillary Clinton – im Gegensatz zu Trump hat sie dabei allerdings vornehmlich niedrige und mittlere Einkommen im Blick. Stärker als bisher sollen Veräußerungsgewinne aus Kapitalmarktgeschäften besteuert werden; vorgesehen ist dabei eine Staffelung nach der Haltedauer, die an die bis 2008 in Deutschland geltende Spekulationsfrist erinnert. Auch sollen die Steuersätze für Spitzenverdiener angehoben werden. Anders als Trump steht sie hinter der Idee freien Handels. Beide Kandidaten wollen den Mindestlohn sowie Investitionen in Infrastruktur erhöhen und sich des Problems der immensen Verschuldung aus Studienkrediten annehmen.

Wohl nicht so sehr aufgrund ihres ökonomischen Programms, sondern weil sie in der Sympathiewertung etwas weniger schlecht abschneidet als Trump, liegt Clinton in aktuellen Umfragen knapp vorne. Sie scheint so etwas wie das kleinere Übel zu sein; jedenfalls in den Augen der Amerikaner. Auf die Meinung der Deutschen sollte man bei der Vorhersage des Wahlausgangs nicht zu viel setzen. Wie viele Deutsche hatten noch mal gedacht, dass es zum Brexit kommt?