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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Hoher Preis = wenig Verbrauch? | 18.08.2016
Keine Freunde dürfte sich Sigmar Gabriel derzeit unter Autofahrern machen. Verantwortlich dafür ist ein Vorschlag aus dem kürzlich veröffentlichten „Grünbuch Energieeffizienz“ seines Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Die derzeit vergleichsweise niedrigen Spritpreise stehen demnach der Energiewende entgegen – denn je günstiger der Kraftstoff, desto geringer sei der Anreiz, sparsam damit umzugehen. Angeregt wird daher eine steuerliche Umgestaltung in der Form, dass sinkende Preise automatisch durch einen Steueranstieg in entsprechender Höhe ausgeglichen werden. Aber stiften niedrige Energiepreise tatsächlich zur Verschwendung an – und sorgen hohe für Sparsamkeit?

2003 war mit der letzten Stufe der ökologischen Steuerreform die später von Mineralölsteuer in Energiesteuer umgetaufte Abgabe auf 65,45 Cent je Liter für Ottokraftstoff und 47,04 Cent für Diesel angehoben worden. Die für beide Kraftstoffarten seit 1999 in fünf Schritten durchgeführte Erhöhung um insgesamt 15,35 Cent war umgangssprachlich auch als „Ökosteuer“ bekannt. Da die Erhebung pro Mengeneinheit (Liter) und nicht pro Umsatz erfolgt, hängen die Einnahmen aus der Energiesteuer direkt vom Verbrauch ab. Wie unser Chart der Woche zeigt, bleibt seit der letzten Erhöhung das Energiesteueraufkommen trotz teilweise stark schwankendem Benzinpreis weitgehend konstant – was bedeutet, dass sich auch der Verbrauch nur geringfügig änderte.

 

 

Zwar zeigt sich tatsächlich im Jahr mit den höchsten Preisen ein unterdurchschnittliches Steueraufkommen – während allerdings 2012 der Benzinpreis um fast 18% über dem Durchschnitt des Betrachtungszeitraums lag, wurden nicht einmal 2% weniger Kraftstoff verbraucht als im Mittel. Der Tiefpunkt des Steueraufkommens hingegen befindet sich im Jahr 2007 – bei einem Benzinpreis, der sogar noch unter dem Durchschnitt liegt. Die unterstellte Lenkungswirkung des Benzinpreises beim Endkunden darf also zumindest in ihrem Ausmaß angezweifelt werden – offenbar können oder wollen die deutschen Autofahrer auf einen Großteil ihrer Fahrzeugnutzung nicht verzichten.

Wenn die Politik also Individualverkehr auf Bus und Bahn umlenken möchte, so könnte es sich als Sackgasse erweisen, dies nur über hohe Benzinpreise erreichen zu wollen. Nötig sind auch Alternativangebote, die einen Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel attraktiv oder überhaupt erst praktikabel machen. Wessen Mobilitätsanforderungen der öffentliche Verkehr nicht erfüllen kann, der wird auch bei hohen Benzinpreisen zähneknirschend ins Auto steigen müssen.

Viele Hoffnungen ruhen daher auf vernetzten, selbstfahrenden Fahrzeugen, mit denen sich die Vorteile von Individual- und öffentlichem Verkehr verbinden lassen sollen. Neben technischen sind hierfür aber auch noch umfangreiche rechtliche und ethische Problemstellungen zu lösen – ehe uns fahrerlose Taxis zur Arbeit oder zum Einkaufen bringen, wird es daher wohl noch eine Weile dauern.