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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Macht Wohneigentum glücklich? | 02.09.2016
Viele Menschen stehen im Laufe ihres Lebens vor der Entscheidung: Lebe ich (weiterhin) zur Miete – oder kaufe ich eine Immobilie und nehme (in den meisten Fällen) auch einen Kredit dafür auf? Wohl niemand nimmt diese Entscheidung auf die leichte Schulter, ist sie doch eine von großer finanzieller Tragweite, mit deren Konsequenzen man meist jahrzehntelang leben muss. Man stellt sich die Frage: Werden mich die eigenen vier Wände glücklich machen? Positiv fällt ins Gewicht, dass man Sicherheit bezüglich der Wohnsituation hat, keine Kündigung durch den Vermieter befürchten muss und im Alter mietfrei im bis dahin hoffentlich abbezahlten Eigenheim leben kann. Auf der anderen Seite ist man weniger flexibel, kann ungeliebten Nachbarn nicht so leicht entfliehen oder die Wohnsituation an Veränderungen der Lebensplanung anpassen. Keine leichte Abwägung.

Im Rahmen einer Umfrage der ING in 13 europäischen Ländern sowie Australien und den USA wurden fast 15.000 Menschen zu verschiedenen Aspekten rund um den Immobilienmarkt befragt. Eine der gestellten Fragen lautete: „Wie glücklich oder unglücklich sind Sie insgesamt mit Ihrer Wohnsituation?“ Unser Chart der Woche zeigt für alle Länder in der Umfrage den Anteil derjenigen Befragten, die mit „glücklich“ oder „sehr glücklich“ antworteten. Auf den ersten Blick fällt auf, dass offenbar überall die Eigentümer zufriedener mit ihrer Wohnsituation sind als die Mieter. In Europa liegt der Abstand im Durchschnitt bei 20 Prozentpunkten. Der geringste Unterschied mit 16 Prozentpunkten findet sich in so unterschiedlichen Ländern wie Belgien, Italien, den Niederlanden, Rumänien und der Türkei. Gleich dahinter folgt Deutschland mit 17 Prozentpunkten.

 

 

Aufgrund eines gut entwickelten Mietmarktes ist das Wohnen zur Miete hierzulande nicht zwangsläufig eine Notlösung für die, die sich das Eigenheim nicht leisten können; viele Menschen entscheiden sich aus den verschiedensten Gründen bewusst dafür, nicht in den eigenen vier Wänden zu leben. Weil hohe Nebenkosten beim Erwerb von Immobilien den häufigen Kauf und Verkauf unattraktiv machen, kommt Wohnen im Eigentum auf Zeit eher nicht in Frage, wenn man beispielsweise aus beruflichen Gründen oft umziehen muss. Kein Wunder also, dass die Zufriedenheit der Mieter hierzulande nicht ganz so weit hinter der der Eigentümer zurückbleibt wie anderswo.

Am anderen Ende der europäischen Skala findet sich Großbritannien. Während 80% zufriedene Eigentümer einen Wert im Mittelfeld bedeuten, sind hier nur 49% der Mieter glücklich mit ihrer Wohnsituation – Tiefstwert der Umfrage, während der Abstand in der Wohnzufriedenheit den Höchstwert darstellt. Ähnlich hoch ist der Abstand auch in Australien und den USA. Traditionell gilt in den angelsächsischen Ländern Wohneigentum als erstrebenswerter Normalfall; in Teilen der USA wird beispielsweise das Wohnen zur Miete zumindest außerhalb der Zentren großer Städte fast schon als soziales Stigma angesehen.

Neben diesen Aspekten, die die höhere Wohnzufriedenheit der Eigentümer und den von Land zu Land unterschiedlichen Abstand zu den Mietern ansatzweise erklären können, gibt es aber noch einen weiteren Grund, der Eigentümern zu einer höheren Zufriedenheit verhilft. Dieser ist jedoch nicht in den Besonderheiten des Immobilienmarktes, sondern in der menschlichen Psyche bedingt – wir betreten das Feld der „Behavioral Economics“ oder „Verhaltensökonomie“. So sorgfältig wir im Vorfeld einer Entscheidung auch abgewogen haben – ist diese erst einmal getroffen, suchen wir unbewusst nach Argumenten, die unsere Entscheidung bestätigen, und messen solchen, die sie in Frage stellen, weniger Gewicht bei. Die Psychologie spricht hier von einer „Dissonanzreduktion“, die uns hilft, mit den Folgen unserer Entscheidung zu leben – besonders, wenn diese nur schwer zu revidieren ist, wie beispielsweise ein Hauskauf. Sollten Sie also den Erwerb einer Immobilie erwägen: Die Chancen stehen gut, dass Sie anschließend mit Ihrer Entscheidung zufrieden sind – dafür sorgt schon Ihr Unterbewusstsein.