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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Sparen oder investieren? | 30.09.2016
In ganz Europa sind noch immer die Folgen der Finanzkrise zu spüren. Deutschland geht es dabei vergleichsweise gut – die Wirtschaft wächst zwar langsam, aber stetig. Auch die traditionell eher schwache Binnenkonjunktur hat angezogen und kann gelegentliche Schwächephasen der exportorientierten Industrie abfedern. Staat wie Unternehmen nutzen die gute Einnahmesituation, um die Verschuldung zu senken und Reserven aufzubauen. An sich eine gute Sache, möchte man meinen.

Sorge bereitet allerdings die schon seit geraumer Zeit schwache Investitionstätigkeit hierzulande, die auf lange Sicht zu einem Problem werden könnte – denn niedrige Investitionen bedeuten nicht nur eine geringere wirtschaftliche Aktivität im Hier und Jetzt, sondern schwächen auch die Grundlagen zukünftiger Entwicklung. Angesprochen auf das geringe Volumen der Investitionen kommt zumindest aus der Politik gerne die Antwort, dass der Schuldenabbau Vorrang habe und es für höhere Investitionen keinen Spielraum gebe. Je mehr Geld für die Bedienung von Krediten aufgewendet werden müsse, desto weniger stehe für Investitionen zur Verfügung, daher müssten zunächst einmal die Schulden runter, ehe wieder stärker investiert werden könne. Ist das tatsächlich so, oder wird hier ein deutscher Sonderweg beschritten? Wäre ein Mehr an Investitionen vielleicht doch machbar? Wie sieht die Situation anderswo aus?

 

 

Unser Chart der Woche setzt die Bruttoinvestitionen in 19 europäischen Ländern und der gesamten Eurozone ins Verhältnis zur Verschuldung von Staat und nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften – jeweils in Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dabei fällt auf, dass es in der Tat nur wenige Länder gibt, in denen ein geringerer Anteil des Bruttoinlandsprodukts investiert wird als in Deutschland. Neben Großbritannien sind dies Italien, Portugal sowie – weit abgeschlagen – Griechenland, das noch immer schwer mit der Bewältigung der Krisenfolgen zu kämpfen hat. Alle vier Länder weisen einen hohen Verschuldungsgrad auf. Auf den ersten Blick scheint die These von den Schulden als Investitionsbremse also Gültigkeit zu haben.

Doch ganz so einfach kann die Erklärung dann doch nicht sein – denn die Verschuldung liegt in Deutschland schließlich deutlich niedriger. Kein anderes Land mit einer ähnlich niedrigen Schuldenlast wie Deutschland investiert weniger. Und auch viele Länder mit einem deutlich höheren Verschuldungsgrad weisen eine höhere Investitionsquote auf. Spitzenreiter Norwegen stellt mit seinen Bodenschätzen sicherlich einen Sonderfall dar, doch auch im Rest Europas fließt mehr Geld in die Grundlagen zukünftigen Wirtschaftens als in Deutschland. Sollten Staat und Unternehmen den Spielraum, den die aktuell vergleichsweise komfortable Situation bietet, nicht für verstärkte Investitionen nutzen, könnte es mit der deutschen Rolle als langsamer, aber stetiger Wachstumsmotor Europas bald vorbei sein.