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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Das Ende der Globalisierung? | 07.10.2016
Protektionismus steht momentan nicht nur auf der Liste von Präsidentschaftskandidat Donald Trump ganz weit oben. Auch Hillary Clinton kristallisiert sich nicht als große Freihandelsliebhaberin heraus. Das geplante transpazifische Handelsabkommen TPP steht daher durchaus auf wackeligen Füßen, eine Ratifizierung des Abkommens vor Ende der Amtszeit Obamas ist im Augenblick undenkbar. Denn nicht nur in Übersee steigt die Neigung zur Abschottung offener Volkswirtschaften und sinkt die Unterstützung für mehr Freihandelsabkommen rapide. Stehen wir also am Ende der Globalisierung?

Bereits seit Ausbruch der globalen Finanzkrise hat das weltweite Importwachstum nach einer steilen Zunahme im Jahr 2010 rapide abgenommen, wie unser Chart der Woche zeigt. Besonders deutlich wird die Verlangsamung, wenn wir uns die Entwicklung des globalen Handels im Zeitablauf ansehen. Wuchs das Volumen des Welthandels an Waren und Dienstleistungen im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte mit knapp sieben Prozent, so sind es seit dem Jahr 2012 lediglich nur noch drei Prozent. Die positiven Effekte von Globalisierung und immer mehr Freihandel haben sich abgenutzt. Der Ehrlichkeit halber muss natürlich gesagt werden, dass hier über Wachstumsraten gesprochen wird. Das Niveau des Welthandels ist immer noch hoch, nur das Wachstum verliert deutlich an Dynamik. Diese Einschränkung darf man auch beim Blick auf CETA oder TTIP nicht vergessen. Ohne diese Handelsabkommen würde der Welthandel nicht automatisch schlechter oder schwächer werden. Er wäre nur um einen Wachstumsimpuls ärmer.

 

 

Der IWF hat sich im seinem jüngsten Bericht zum Weltwirtschaftsausblick der Thematik des abschwächenden Welthandels angenommen und findet dabei einen weiteren Schuldigen: ausbleibende Investitionen. Denn auch wenn Handelsbarrieren zunehmen und Freihandelsabkommen auf der Kippe stehen, so sind doch ausbleibende Investitionen und damit eine schleppende Wachstumsentwicklung laut IWF der Hauptgrund für die Verlangsamung der weltweiten Handelsströme. Die Verschiebung in der Nachfrage hin zu Verbrauchsgütern und keine weitere Senkung der Handelskosten belasten so den internationalen Warenaustausch. Vor allem hochentwickelten Volkswirtschaften bereitet die Nachfrageverschiebung Kopfschmerzen.

Dabei hat internationaler Handel vor allem in den letzten Jahrzehnten zu massiven Wachstumsschüben geführt. Und auch Deutschland ist als regelmäßiger Exportweltmeister einer der größten Profiteure von regem Handel. Doch das zunehmend politisch unsichere Umfeld sowie die Rückkehr zu Protektionismus verdunkeln den Ausblick für regen globalen Handelsaustausch massiv. Was also ist zu tun? Wenn es nach dem IWF ginge, dann sollte eine Kombination aus produktivitätssteigernden Strukturreformen, Bilanzsanierungen und Handelsliberalisierung und -integration Abhilfe schaffen. Ein schönes Gedankenspiel, das auf dem Blatt Papier immer super klingt. Doch dass sich in den nächsten Monaten tatsächlich der große Wandel einstellt, scheint mit Blick auf den vollen Wahlkalender mehr als unwahrscheinlich.