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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Exit vom Brexit? | 04.11.2016
Während sich der US-Wahlkampf noch einmal zuspitzt, die Umfragen teilweise sogar zugunsten Trumps drehen, die „Swing States“ ihrem Namen alle Ehre machen und den Märkten der Angstschweiß auf der Stirn steht, ist diesseits des Atlantiks ein anderes großes Politikthema wieder ins Blickfeld gerückt: das Britische Referendum über den EU-Austritt des Landes. Denn gestern entschied der High Court, das Obere Zivilgericht in London, dass die Regierung nicht ohne die Zustimmung des Parlaments den berühmt-berüchtigten Artikel 50 lostreten dürfe. Ist das der Exit vom Brexit?

 

 

Schaut man auf unseren Chart der Woche, so scheint die Hoffnung aufgekeimt zu sein, dass der Abschied aus der EU zumindest weich ausfällt, verzögert, oder aber ganz vielleicht doch noch abgewendet werden kann. So legte das Pfund nach der Entscheidung für seine Verhältnisse ordentlich zu, seitdem es nach dem Referendum fast kontinuierlich schwächer wurde.

Die Hoffnung auf einen Exit vom Brexit rührt daher, dass im Parlament die Mehrheit der Abgeordneten für den EU-Verbleib ist. Was nun passieren wird, steht wieder einmal in den Sternen. Die Regierung hat bereits Berufung gegen den Gerichtsentscheid beim höchsten Gericht, dem Supreme Court, eingelegt. Diese Entscheidung steht im nächsten Monat an. Sollte der Supreme Court die gestrige Entscheidung bestätigen, steht die britische Politik vor einem Scherbenhaufen. Ein Parlament, das gegen den Brexit ist. Eine Regierung, die für den Brexit ist, und eine Bevölkerung, die ein pro-EU-Parlament gewählt hat, aber gleichzeitig für den Brexit ist. Wie die Briten aus diesem Dilemma heraus kommen wollen, bleibt ein Rätsel. Eine Möglichkeit wäre, dass die Regierung bereits vor dem Auslösen des Artikels 50 ihre Exitstrategie offenlegt. Die Verhandlungen mit der EU würden damit jedoch nicht einfacher werden.

Letztendlich ist jetzt wieder alles offen. Selbst der Exit vom Brexit ist möglich. Eine weitere Implosion der britischen Politik scheint wahrscheinlich. Die politischen Turbulenzen gehen also weiter. Da wünscht man sich doch wieder makroökonomisch getriebene Impulse herbei und nicht die durch politische Treiber ausgelösten Achterbahnfahrten an den Märkten.