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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Let it snow | 11.11.2016
Weite Teile Deutschlands erlebten im Laufe der Woche den ersten Schneefall der herannahenden kalten Jahreszeit. Doch während der frühe Wintereinbruch Kindern die ersten Schneeballschlachten bescherte, ärgerten sich viele Erwachsene wohl eher über die Verkehrsbeeinträchtigungen, die die weiße Pracht mit sich brachte – von glatten Straßen bis hin zu beschädigten Oberleitungen. Und auch der gelegentliche Leser von Wirtschaftsnachrichten hat vielleicht die Stirn gerunzelt: Gibt es da nicht einen Zusammenhang zwischen kalten Wintern und schwachem Wirtschaftswachstum?

Ja, den gibt es in der Tat, wie auch unserem Chart der Woche zu entnehmen ist. Beispielhaft dargestellt sind die kältesten ersten Quartale seit Beginn der 1970er Jahre. In den Jahren, in denen die Durchschnittstemperatur der Monate Januar bis März besonders niedrig lag, gab es im ersten Quartal oft auch ein eher schwaches Wirtschaftswachstum im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten. Hauptverantwortlich ist hierfür meist der Bausektor – wer schon einmal selbst Bauherr war, der weiß, dass die Errichtung von Gebäuden bei niedrigen Temperaturen nicht gut vorankommt. Dass dies daran liegt, dass den Maurern in der Kälte die gefrorenen Bierflaschen platzen, ist natürlich ein Mythos. Verantwortlich sind vielmehr ganz handfeste Dinge – wie gefrorener Boden, der sich schwerer aufbrechen lässt, und Beton, der bei nasskaltem Wetter schlechter trocknet.

 

 

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben – sobald der Winter vorbei ist, legt man sich besonders ins Zeug, um den Rückstand aufzuholen. Und so folgt auf ein aus Temperaturgründen schwaches erstes Quartal regelmäßig ein vergleichsweise starkes Restjahr, in dem die geringere Aktivität der Monate Januar bis März zumindest teilweise wieder wettgemacht wird. Auch dieser Zusammenhang lässt sich unserem Chart entnehmen: In den Jahren mit kalten Wintern und niedrigem BIP-Ergebnis im ersten Quartal fällt kein besonders schwaches Wachstum für das Gesamtjahr auf.

In den letzten Jahren fielen die Temperaturen zu Jahresbeginn regelmäßig sehr mild aus. In der Folge hatten wir vergleichsweise wachstumsstarke erste Quartale. Aber sollten wir dieses Mal doch einen kalten, weißen Winter bekommen, in dem die Wirtschaft langsamer wächst: Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, sondern genießen Sie ihn und bauen mit Ihren Kindern einen Schneemann – denn wie gesagt, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.