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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Ausgemachte Sache? | 18.11.2016
Manchmal kommt es anders als man denkt. Dass die Märkte in Jubelstimmung ausbrechen, nachdem ein polarisierender Milliardär, der sich im Wahlkampf für Protektionismus und Abschottung stark gemacht hat, es an die Spitze der größten Volkswirtschaft der Welt schafft, hätten die wenigsten erwartet. Aber die Jubelstimmung und das vermeintliche, da noch nicht im Detail bekannte Konjunkturprogramm für die amerikanische Wirtschaft lassen Optimismus aufkommen und rücken einen bis dahin stärker ausgeblendeten Akteur wieder ins Rampenlicht: die Fed.

Denn ein Zinsschritt im Dezember sieht nach Trumps Wahlsieg so sehr nach einer ausgemachten Sache aus, wie es von den Märkten überhaupt nur signalisiert werden kann. Wie unser Chart der Woche zeigt, stehen die Chancen, gemessen anhand von Futures- und Optionskontrakten, auf den ersten Zinsschritt seit über einem Jahr mit einer 96%igen Wahrscheinlichkeit so gut wie noch nie. Und das in einem Jahr, das von Turbulenzen, Volatilität und politischen Ereignissen geprägt war. Die Richtung der Kontrakte dient dabei als guter Indikator für die Erwartungen der Marktteilnehmer über die Veränderung des US-Leitzinses, da sich Investoren über diese Papiere gegen das Risiko einer Zinsänderung absichern, bzw. auf diese spekulieren können.

 

 

Während die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsanstieg im Dezember bis zum Herbst nie über die 50%-Marke kletterte und nach dem Brexit-Referendum sogar auf einen Tiefststand von 7,7% fiel, legte sie Anfang November einen Sprung bis auf 84% Prozent hin. Nach Trumps Sieg fiel die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsanstieg im Dezember zwar zunächst auf 80%, um dann aber nur innerhalb einer Woche auf 96% zu klettern. Neben guten Wirtschaftsdaten und falkenhaften Kommentaren von Fed Chefin Janet Yellen sorgt gerade der Ausblick auf schnell steigende und möglicherweise sogar überschießende Inflation durch Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen von „Trumponomics“ für den erneuten starken Anstieg der Wahrscheinlichkeit einer Fed-Bewegung im Dezember.

Momentan herrscht Optimismus. Darüber, dass Trumps expansive Fiskalpolitik die Wirtschaft in den USA mächtig ankurbeln wird, während Gedanken über einen deflationären und protektionistischen Politik-Mix hinten angestellt werden. Aber Optimismus ist nicht gleichzusetzen mit Vertrauen. Und wenn wir eins aus den letzten Wochen und Monaten gelernt haben, dann dass nichts eine ausgemachte Sache ist, bis es letztlich geschehen ist.