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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Just about managing | 25.11.2016
Kalt erwischt wurden Medien und Meinungsforscher sowohl von der Brexit-Abstimmung in Großbritannien Ende Juni als auch vom Wahlerfolg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl vor wenigen Wochen. Trotz knapper Umfrageergebnisse wurde weithin sowohl von einem EU-Verbleib der Briten als auch von einer Wahl Hillary Clintons zur US-Präsidentin ausgegangen. Dem Volksmund zufolge erkennt man einen Experten daran, dass er hinterher immer erklären kann, warum er zuvor falsch gelegen hat – diese Erklärungen ließen dann auch nicht lange auf sich warten.

Als einer der Hauptgründe für den Ausgang beider Abstimmungen wurde vielfach eine Unzufriedenheit der Wähler mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation ausgemacht, welche die Meinungsforscher unterschätzt hatten. „Just about managing“ oder „the forgotten men and women“ nannten die neue britische Premierministerin Theresa May und Donald Trump diese Menschen, die sich und ihre Probleme von der etablierten Politik nicht ernst genommen fühlten. Oft beschäftigt – oder ehemals beschäftigt – in Branchen und Regionen, die von Abwanderung von Arbeitsplätzen durch Globalisierung, wirtschaftliche Offenheit und allgemeinen wirtschaftlichen Wandel betroffen waren, hatten sie entweder bereits ein Absinken ihres Lebensstandards erlebt oder befürchteten dieses für die Zukunft.

Wenn also Unzufriedenheit und Unsicherheit wirklich die Zutaten von Erfolgen populistischer Strömungen sind, könnte die absehbare Zukunft noch die eine oder andere böse Überraschung bereithalten. Denn in einer Untersuchung, die im Auftrag der ING in 12 europäischen Ländern und den USA durchgeführt wurde, schätzten die Befragten in Großbritannien und den USA die bisherige und zukünftige Entwicklung ihres Lebensstandards sogar noch besser ein als der Durchschnitt. Unser Chart der Woche zeigt die Ergebnisse der Befragung auch für die Länder, denen eine wichtige Abstimmung noch ins Haus steht: Österreich (Präsidentschaftswahl am 4. Dezember), Italien (Verfassungsreferendum ebenfalls am 4. Dezember), Niederlande (Parlamentswahl am 15. März 2017), Frankreich (Präsidentschaftswahl am 23. April 2017 – eventuelle Stichwahl am 7. Mai) sowie Deutschland mit der Bundestagswahl im Spätsommer oder Herbst 2017.

 

 

In Italien beispielsweise hat Ministerpräsident Matteo Renzi seine politische Zukunft mit dem Ergebnis der Abstimmung über eine Verfassungsreform verknüpft. Hier geben 40% an, dass sich ihr Lebensstandard während der letzten fünf Jahre verschlechtert habe – ein fast doppelt so hoher Anteil, wie es in Großbritannien oder den USA der Fall war. Auch der Blick in die Zukunft fällt hier nicht gerade positiv aus: 31% erwarten eine Verschlechterung gegenüber dem Status quo. Der Gedanke liegt nahe, dass viele Italiener die Wahl als Gelegenheit verstehen könnten, ihre Unzufriedenheit auszudrücken und mit einer Nein-Stimme der Renzi-Regierung einen Denkzettel zu verpassen. Und auch in Frankreich könnten 39%, die eine Verschlechterung erlebt haben, und 40%, die sie noch erwarten, den Rechtspopulisten um Marine Le Pen in die Hände spielen.

Im Vergleich dazu lesen sich die Zahlen für Deutschland und seine Nachbarn im Südosten und Nordwesten fast schon beruhigend. Doch allzu schlimm sahen sie ja auch für Großbritannien und die USA nicht aus. Allerdings steckt der Teufel bei Großbritannien und den USA im Detail: In beiden Ländern ist es vor allem die Altersgruppe ab 55 Jahren, in der die Einschätzung der vergangenen und der kommenden fünf Jahre besonders schlecht ausfällt. Das ist auch im kontinentalen Europa nicht anders. Und wie in Großbritannien und den USA ist auch hier die Wahlbeteiligung älterer Menschen besonders hoch. Wenn die Experten wenigstens mit ihren Erklärungen für die Ergebnisse in Großbritannien und den USA richtig liegen, sind die Zutaten für einen explosiven Wahlcocktail auch in der Eurozone angerührt.