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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

(K)ein aufziehender Sturm?! | 02.12.2016
Auf der politischen Bühne geht es an diesem Sonntag zum letzten Mal in diesem Jahr noch einmal hoch her. Sowohl der dritte Versuch, einen österreichischen Präsidenten zu wählen, als auch das italienische Referendum halten die Märkte auf Trab. Während von unserem kleineren Nachbarn Österreich vor allem eine starke Signalwirkung an den Rest der EU ausgeht, steht beim größten Schuldner der Eurozone etwas mehr auf dem Spiel.

Denn das Land hat schon seit längerem mit einer hohen Staatsverschuldung, schwachem Wirtschaftswachstum, einer Bankenkrise, politischen Querelen und einem immer noch anhaltenden Flüchtlingsstrom zu kämpfen. Das Referendum geht zwar über keines dieser genannten Probleme, sondern um grundgesetzliche Veränderungen, die den politischen Entscheidungsprozess vereinfachen sollen. Trotzdem hat Ministerpräsident Renzi aus dem Referendum eine implizite Volksabstimmung über weitere Reformen gemacht. Vielleicht inspiriert durch den Griechen Tsipras hat Renzi sein politisches Schicksal an den Ausgang des Referendums gebunden.

In der simplen Welt der Finanzmärkte herrscht gerade die Angst, dass ein „Nein“ zum Referendum zu Neuwahlen, dem Aufstieg der populistischen 5-Sterne-Bewegung und letztendlich dem Austritt Italiens aus der Eurozone führen wird. Die Angst vor diesem Horrorszenario kann man in unserem Chart der Woche sehen. So ist die Risikoprämie um italienische oder österreichische Anleihen anstelle von deutschen Anleihen zu besitzen, auf ein lange nicht gesehenes Niveau gestiegen. 1,7%-Punkte mehr müssen für italienische 10-Jahres-Anleihen auf den Tisch gelegt werden, in Österreich sind es noch mäßige 0,3%-Punkte, aber auch hier hat sich in den letzten Tagen der Spread wieder geweitet. Dass der Spread italienischer Anleihen dabei sehr viel größer als in Österreich ist, spiegelt das Empfinden der möglichen Konsequenzen der jeweiligen Ereignisse an den Märkten wider. Im Markt kursieren sogar schon Gerüchte, dass die EZB ihre Käufe von italienischen Staatsanleihen temporär erhöhen könnte, sollte der Ausgang des Referendums einen massiven Zinsanstieg auslösen und damit die Schuldentragfähigkeit Italiens gefährden – jedoch nur für einige Tage oder maximal Wochen.

 

 

Doch von Höchstständen, die im Zuge des Höhepunktes der Eurokrise in den Jahren 2010/2011 gesehen wurden, sind wir weit entfernt. Und das auch zu Recht. Denn die Suppe wird bei weitem nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Sollte sich das „Nein“-Lager beim Verfassungsreferendum durchsetzen, geht die Welt nicht unter. Ebenso wenig wie sie es nach dem Brexit-Referendum oder der US-Wahl getan hat.

Denn politische Veränderungen hat vor allem Italien schon häufig gesehen. Beim „Nein“ würde zunächst einmal alles so bleiben wie es ist, die derzeitige Verfassung in ihrer Form bestehen bleiben. Renzi würde wohl seinen Rücktritt ankündigen und Präsident Mattarella würde die Fortführung der Regierung unter einem neuen Ministerpräsidenten oder eine Übergangsregierung mit Technokraten vorschlagen. Letzteres könnte sogar ein Segen sein, denn in den letzten Jahren waren es gerade die „technokratischen“ Regierungen in Italien, die Reformen auf den Weg gebracht haben. Vielleicht würde es so sogar einfacher werden, um zusammen mit Europa eine Lösung für die italienischen Banken zu finden. Selbst wenn es zu schnellen Neuwahlen kommen würde und die 5-Sterne-Bewegung dabei gut abschneidet, so bleibt der Senat – dank des abgelehnten Referendums – sehr stark und es würde wohl keine parlamentarische Mehrheit für ein Referendum zur Euro-Mitgliedschaft Italiens geben.

Spannend bleibt es auf jeden Fall. Der kommende Sonntag bildet den Auftakt für aufregende politische Monate in Europa. Die Finanzmärkte haben die Neigung, vor allem bei europäischen Ereignissen mit großer Aufgeregtheit zu reagieren. Ohne den Ernst der Situation unterschätzen zu wollen, müssten die Märkte doch so langsam gelernt haben, dass Europa teilweise wie ein Zombie ist. Er kommt immer wieder zurück.