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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Suchst du noch, oder wohnst du schon? | 09.12.2016
Mit einer interessanten Nachricht meldete sich kürzlich das Statistische Bundesamt zu Wort: Bis einschließlich September waren in diesem Jahr Baugenehmigungen für 276.297 Wohnungen erteilt worden, 24% mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Setzt sich diese Entwicklung fort, würden im Jahr 2016 fast 400.000 Wohnungen genehmigt. Zuletzt war diese Schwelle im Jahr 2000 durchbrochen worden – allerdings aus der anderen Richtung kommend: Während des Baubooms Anfang der 1990er Jahre im Nachgang der Wiedervereinigung hatte die Zahl der Baugenehmigungen sogar einen Höchstwert von über 700.000 im Jahr 1994 erreicht. Seitdem war dieser Wert stetig zurückgegangen und zur Zeit der Finanzkrise mit unter 200.000 auf einem Tiefpunkt angekommen. Mit der folgenden wirtschaftlichen Erholung zog auch die Bautätigkeit wieder an und schickt sich jetzt an, neue Höhen zu erreichen.

Dabei kann man durchaus der Meinung sein, dass es dafür auch höchste Zeit war. Der deutsche Mieterbund beispielsweise vertritt die Einschätzung, dass die jetzt noch nicht ganz erreichten 400.000 Wohnungen dringend notwendig sind, um den Anstieg der Mieten gerade in Ballungsräumen auf ein erträgliches Maß zu begrenzen – und zwar nicht einmalig, sondern auf absehbare Zeit jedes Jahr.

 

 

Wie unser Chart der Woche zeigt, gehören die Wohnkosten zu den am stärksten gestiegenen Teilaspekten der ansonsten eher zurückhaltenden Inflationsentwicklung. In den letzten 25 Jahren sind sie fast durchgängig stärker gestiegen als die allgemeinen Lebenshaltungskosten. Die Abteilung 04 des Verbraucherpreisindex umfasst neben den Wohnkosten im engeren Sinne (Mietkosten und rechnerische Kosten von Wohneigentum) auch Energiekosten; nur der zuletzt sehr niedrige Ölpreis sorgt hier für einen flacheren Verlauf der Kurve in den letzten beiden Jahren.

Als Hauptgrund für diese Entwicklung wird allgemein ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum angesehen. Insbesondere in den Großstädten sorgt der ungebrochene Trend zur Urbanisierung für eine Verschärfung der Situation auf dem Wohnungsmarkt. In einer Umfrage der ING-DiBa gaben im Frühjahr 2016 rund 54% der Deutschen an, die Wohnkosten in ihrer Gegend als teuer oder sehr teuer einzuschätzen; die Stadtstaaten Berlin und Hamburg lagen hier mit 78% bzw. 63% auf den Plätzen 1 und 3 aller Bundesländer. Mit fortschreitendem Zuzug von Menschen in die Ballungsgebiete nimmt nicht nur die Knappheit von Wohnraum dort zu, sondern sind logischerweise auch immer mehr Menschen von eben dieser Knappheit betroffen. Das neue Hoch in Sachen Baugenehmigungen stützt also nicht nur die konjunkturelle Entwicklung, sondern bietet auch Grund zur Hoffnung für alle, die auf der Suche nach einer neuen Wohnung sind oder unter hohen Wohnkosten ächzen.