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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Vom Deflations- zum Inflationsgespenst
Gerade mal zwei Wochen ist das neue Jahr alt, aber die Gemüter laufen schon wieder heiß. Schuld ist das starke Inflationsplus im Dezember sowohl für Deutschland als auch die Eurozone. Für letztere stiegen die Verbraucherpreise von 0,6% im November auf 1,1% im Dezember und in Deutschland gar von 0,8% auf 1,7%. Bei den Niedrigzinsen bedeutet das eine reale Entwertung der Sparguthaben. Also setzen nicht wenige Ökonomen an, einen Stopp der lockeren Geldpolitik der EZB zu fordern. In ihren Augen wurde das Deflationsgespenst schon lange vom Inflationsgespenst abgelöst.

Denn schon nächste Woche Donnerstag tritt der EZB-Rat wieder zusammen. Beim letzten Treffen wurden jedoch Beschlüsse in eine ganz andere Richtung getroffen: So sollen die Anleihekäufe noch bis mindestens Dezember 2017 laufen, ab April jedoch zu einem verminderten Volumen von 60 Mrd. statt 80 Mrd. Euro, zugleich werden allerdings auch auslaufende Anleihen reinvestiert. Geht es nach der EZB, bleibt es also noch das ganze Jahr über locker und niedrig – auch wenn die Konsens-Prognosen auf eine deutlich steigende Inflation hinweisen.

Dass es jedoch verfrüht ist, ein Ende der lockeren Geldpolitik zu fordern, zeigt unser Chart der Woche. Denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Eine nachhaltige und stabile Entwicklung der Inflation ist nötig, um das QE-Programm beenden zu können. Ansonsten erstickt man das Flämmchen, das sich gerade zu entwickeln versucht.

 

 

Denn auch wenn die Inflationsraten in der Eurozone nämlich allmählich anziehen, ist diese Entwicklung doch vor allem von einer Seite getrieben: den anziehenden Energiepreisen und dem auslaufenden Basiseffekt niedriger Ölpreise. So bewegen sich die Kerninflationsraten, also die Inflationsraten ohne Energie und Nahrungsmittel, der vier größten Volkswirtschaften durchaus gemächlicher, ein deutliches Anziehen über die 1%-Marke ist noch nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil. In Frankreich, Italien und Spanien ist die Kerninflation in den letzten Monaten eher noch gesunken. Zwar orientiert sich die EZB mit ihrem Preisstabilitätsziel von einer Inflationsrate unter, aber nahe 2% an der Gesamt- und nicht an der Kerninflation, dennoch beobachtet sie auch letztere, weil sich in dieser nachhaltige Preisentwicklungen für Güter und Dienstleistungen widerspiegeln. So wird die Gesamtinflation zwar auch in den nächsten Monaten aufgrund des Basiseffekts vom Ölpreis weiter anziehen. Doch dieser Effekt dürfte um die Mitte des Jahres auslaufen und die Inflation könnte in der zweiten Jahreshälfte schon wieder zurücklaufen. Zudem ist derzeit kein starker Lohndruck zu beobachten, sodass sich der Anstieg der Kerninflationsrate gedämpft fortsetzen dürfte. Längerfristig ist es jedoch für die EZB entscheidend, dass sich Preissteigerungen auch in der Kerninflationsrate manifestieren.

Jetzt schon das Ende der lockeren Geldpolitik zu fordern ist verfrüht. Zwar muss man die aktuelle Inflationsentwicklung genau im Auge behalten, aber die EZB muss sich doch vor allem auf langfristige und nachhaltige Trends richten; sowohl bei der Gesamt- als auch der Kerninflation. Die Angst vor dem Deflationsgespenst ist gebannt. Das heißt aber nicht, dass die EZB direkt zur Bekämpfung des Inflationsgespensts übergehen muss. Es gibt auch gespensterfreie Zeiten.