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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Geteiltes Leid = halbes Leid? | 02.02.2017
Schon seit 2012 erhalten Banken auf ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank keine Verzinsung mehr, zwei Jahre später wurde der Satz für die sogenannte Einlagefazilität erstmals negativ. Die Anleihekäufe der EZB drücken zusätzlich auf die Rendite verzinslicher Anlagen. Niedrige Zinsen verbilligen Kredite und machen das Sparen weniger attraktiv – des einen Freud ist des anderen Leid. Dies ruft natürlich die Stimmen derer auf den Plan, die sich als Sprachrohr der Zinsanleger sehen. Vor allem aus Deutschland bläst der EZB der Wind ins Gesicht – als selbstverstandene Sparernation wähnt man sich im Fadenkreuz der Währungshüter und drängt auf einen Zinspolitikwechsel.

Wie unser Chart der Woche zeigt, sind es aber keineswegs nur die hiesigen Sparer, die mit den derzeit niedrigen Zinsen unzufrieden sind. Nicht nur in Deutschland werden Gleichgültigkeit, Freude und Erleichterung bei weitem von Frustration, Ärger und Besorgnis überwogen – denn auch im Rest Europas gibt es mehr Sparer als Kreditnehmer. Im Rahmen einer Umfrage der ING-DiBa in 13 europäischen Ländern sowie Australien und den USA lagen die deutschen Verbraucher hinsichtlich negativer Empfindungen zum niedrigen Zinsniveau nur leicht über dem europäischen Durchschnitt – und hinsichtlich positiver Empfindungen nur leicht darunter.

 

 

Wir sehen also, dass es Mario Draghi ganz sicher nicht darauf anlegt, speziell deutsche Bankkunden zu verärgern – Sparer allerorten sind von der Niedrigzinspolitik der EZB betroffen. In keinem einzigen Land unserer Umfrage gab es einen höheren Wert für eine positive als für eine negative Empfindung hinsichtlich des niedrigen Zinsniveaus. Richtig ist natürlich, dass sich aufgrund der in Deutschland stärker anziehenden Inflation das niedrige Zinsniveau deutlicher auswirkt. Aber die bei uns höhere Preissteigerung ist letztlich einer rund laufenden Wirtschaft und hoher Beschäftigung zu verdanken – und darauf möchten wir ja auch nicht verzichten.

Und schließlich ist es ja auch Aufgabe der EZB, eine Zinspolitik für die gesamte Eurozone zu machen und nicht nur für einzelne Länder – und euroweit ist das Inflationsziel von knapp unter 2% noch weit entfernt, erst recht beim Blick auf die weniger volatile Kerninflation. Auf absehbare Zeit ist also nicht zu erwarten, dass sich an niedrigen Sparzinsen viel ändert. Vielleicht tröstet wenigstens die Gewissheit, dass man mit seiner Frustration nicht alleine ist – denn geteiltes Leid ist dem Volksmund zufolge ja halbes Leid.