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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Genug gespart? | 03.03.2017
Ende 2016 wurden im Rahmen einer Umfrage der ING-DiBa fast 15.000 Verbraucher in 13 europäischen Ländern sowie Australien und den USA zu ihrem Sparverhalten und dem Einfluss niedriger Zinsen befragt. Bereits letzten Monat warfen wir einen kurzen Blick auf einen Teilaspekt der Umfrageergebnisse; eine weitergehende Auswertung steht inzwischen ebenfalls zur Verfügung. Die zentrale Feststellung: Auch in anderen europäischen Ländern leiden Sparer unter dem niedrigen Zinsniveau. Die stärkere mediale und politische Aufmerksamkeit, die das Thema hierzulande genießt, rührt anscheinend von kulturellen Besonderheiten her. Speziell im deutschsprachigen Raum wird dem Sparen als solchem offenbar ein Wert jenseits funktionaler Aspekte zugemessen. Gut denkbar, dass hier die klassische Vorstellung von Sparen als Tugend ihren Niederschlag findet – und sich viele Deutsche und Österreicher in Zeiten niedriger Zinsen für ihr tugendhaftes Verhalten nicht ausreichend belohnt fühlen.

Unabhängig von der Bewertung des Zinsniveaus wirft die Umfrage auch einen Blick auf die Zufriedenheit mit der Höhe der eigenen Ersparnisse. Auf den ersten Blick liegen die deutschen Sparer im Durchschnitt, mit einem nur geringfügig höheren Wert als im Rest Europas. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sie je nach Umfang ihrer Ersparnisse stärker in ihrer Zufriedenheit differieren, als dies europaweit der Fall ist. In unserem Chart der Woche zeigen vier „Zufriedenheitskurven“, welcher Anteil der Befragten mit dem Stand ihrer Ersparnisse jeweils sehr zufrieden, zufrieden, weder zufrieden noch unzufrieden, unzufrieden oder sehr unzufrieden ist. Wenig verwunderlich ist dabei, dass sich mit steigenden Ersparnissen die Kurve von rechts nach links verschiebt – bemerkenswert ist jedoch, wie der Höhepunkt der deutschen Kurve sein europäisches Pendant dabei überholt.

 

 

Sind deutsche Sparer mit Ersparnissen von weniger als einem verfügbaren Monatseinkommen noch deutlich unzufriedener als der europäische Durchschnitt, zeigt sich schon in der nächsthöheren Kategorie ein anderes Bild: Zwar gibt es unter den Sparern mit 1-3 Monatseinkommen auf der hohen Kante in Deutschland noch geringfügig mehr Unzufriedenheit als im Rest Europas; aber ein deutlich kleinerer Anteil der Befragten ist unentschlossen und ein deutlich höherer zufrieden. Ab einem Sparvermögen von vier Monatseinkommen sind deutsche Sparer zufriedener als der europäische Durchschnitt; dieser Trend setzt sich für noch höhere Sparvermögen fort.

Auch dieses Phänomen stützt den Befund, dass in Deutschland stärker als im Rest Europas dem Sparen eine Bedeutung zugemessen wird, die über die bloße Aufbewahrung von Werten zur späteren Verwendung hinausgeht. Kein Wunder also, dass man sich hierzulande von der Niedrigzinspolitik der EZB besonders getroffen fühlt – auch wenn man dieses Gefühl nicht an greifbaren Kriterien festmachen kann.