Publikationen

Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Ruhige Gewässer vor dem europäischen Wahlauftakt | 10.03.2017
Bei der gestrigen Pressekonferenz präsentierte sich EZB-Präsident Mario Draghi etwas aggressiver als es das Pressestatement vermuten ließ. Zwar wurde weiterhin die Fortführung der lockeren Geldpolitik betont, das jüngste Anziehen der Inflationsraten als vorübergehend eingestuft und am QE-Programm nichts geändert. Aber die Risiken, welche die Konjunkturaussichten der Eurozone betreffen, seien weniger ausgeprägt und die Notwendigkeit, geldpolitische Maßnahmen zu ergreifen, ebenso. Auch die Märkte pflichten dem mit Blick auf die bevorstehende Wahl nächste Woche in den Niederlanden bei.

Denn obwohl Rechtspopulist Geert Wilders, der lange Zeit die Wahlumfragen angeführt hat, für einen Austritt aus der EU ist, gegen Immigration und den Islam wettert, zeigt sich das Marktumfeld im Vorfeld der Parlamentswahl unbeeindruckt. Schaut man auf die niederländisch-deutschen Renditespreads in unserem Chart der Woche, um die Marktbelastung vor den Wahlen zu messen, so zeigt sich deutlich, dass hier von keinen größeren Unruhen ausgegangen wird. Dies mag einerseits daran liegen, dass alle Parteien im Vorfeld der Wahl eine Koalition mit dem Rechtspopulisten ausgeschlossen haben und Wilders seit ein paar Wochen in den Umfragen an Unterstützung verliert, andererseits auch daran, dass die Niederlande mit sieben Prozent lediglich einen kleinen Teil zum Wirtschaftswachstum der Eurozone beitragen – im Gegensatz zu den Schwergewichten Frankreich, Deutschland (und Italien), die zusammen auf über 65 Prozent kommen.

 

 

Während der Markt nächste Woche also wahrscheinlich nur auf das Ergebnis von Wilders schauen wird und den Blick danach ziemlich schnell auf Frankreich richtet, könnten die Niederlande noch eine Weile am Wahlausgang zu knabbern haben. Denn in den Niederlanden könnten bis zu fünf Parteien nötig sein, um die nächste Koalition zu bilden. Schaut man auf die aktuellen Umfragen, so erhält keine Partei mehr als 20 Prozent. Einen neuen europäischen Rekord wird es wohl nicht geben, aber die Koalitionsbildung kann sich in die Länge ziehen. Zum Glück ist die niederländische Wirtschaft gut aufgestellt, so dass auch ohne neue Regierung das Wachstum nicht verschwinden sollte.

Nächste Woche gibt es also den ersten Gradmesser für Populismus in der Eurozone. Momentan sieht es so aus, als ob die Macht der Populisten nicht so groß ist wie vielleicht befürchtet – auch wenn uns Präsident Trump in den USA gerne eines Besseren belehrt. So sind die Risiken, die Draghi und die EZB sehen, tatsächlich weniger ausgeprägt, ganz verschwunden sind sie aber auch noch nicht. Die EZB wird daher noch länger den Großteil ihrer taubenhaften Rhetorik beibehalten und mit dem ersten Vorgeschmack aus den Niederlanden ihren weiteren Weg planen.