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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Keine Lust mehr auf Sparen | 24.03.2017
Schon seit 2012 erhalten Banken auf ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank keine Verzinsung mehr, zwei Jahre später wurde der Satz für die sogenannte Einlagefazilität erstmals negativ. Die Anleihekäufe der EZB drücken zusätzlich auf die Rendite verzinslicher Anlagen. Der zugrundeliegende Gedanke: Niedrige Zinsen sollen sowohl die Kreditvergabe erleichtern als auch die Attraktivität des Sparens verringern – gleichzeitig sollen so die Alternativen „Konsum“ und „Investition“ relativ zum Sparen attraktiver werden. Beides soll der wirtschaftlichen Belebung und somit den Preisen auf die Sprünge helfen.

In einer Umfrage der ING-DiBa in 13 europäischen Ländern sowie Australien und den USA zeigte sich, dass diese Rechnung auch zumindest teilweise aufgeht – europaweit wie auch in Deutschland gaben über 40% der Befragten an, aufgrund der niedrigen Zinsen weniger zu sparen oder sogar bestehende Sparguthaben (teilweise) aufzulösen. Unser Chart der Woche zeigt, wie die Sparer mit dem freiwerdenden Geld umgehen. Ein Großteil nutzt diese Mittel, um übliche Ausgaben im Rahmen der Haushaltsführung zu bestreiten, zum Beispiel für Lebensmittel oder Kleidung. Denkbar ist, dass Ausgaben, die ohnehin angefallen wären, lediglich vorgezogen wurden. In diesem Fall wären keine nachhaltigen Impulse für Konjunktur und Preise zu erwarten. Denkbar ist aber auch, dass Verbraucher hier auf ihre Sparguthaben zurückgreifen, um ihren Lebensstandard halten können – nicht überall ist schließlich die wirtschaftliche Erholung soweit fortgeschritten wie in Deutschland.

Nur knapp ein Viertel der Europäer tätigt besondere Anschaffungen außerhalb der Reihe mit dem nicht mehr gesparten Geld. Als „Musterschüler“ in Sachen Konjunkturhilfe erweisen sich ausgerechnet die Deutschen, die so gerne auf die EZB schimpfen – ein glattes Drittel zeigt sich hierzulande spendierfreudig und geht beispielsweise auf Reisen oder schafft ein teureres Auto an.

 

 

In Deutschland wie auch dem Rest Europas nutzen 19% die freigewordenen Mittel, um damit Hypotheken oder andere bestehende Kredite ganz oder teilweise zurückzuzahlen. Die Zinssätze bestehender Darlehen sind üblicherweise langfristig festgelegt und sinken daher nicht im Gleichschritt mit den Sparzinsen – und je größer die Differenz im Zinssatz, desto sinnvoller ist es, seine Verbindlichkeiten zu Lasten von Sparguthaben zu reduzieren.Was auf persönlicher Ebene sinnvoll ist, dürfte den Zentralbänkern aber nicht wirklich schmecken, die es vermutlich lieber sähen, wenn die freigewordenen Mittel investiert würden – immerhin gut 17% europaweit und 23% in Deutschland wurden in dieser Richtung aktiv – oder in den Konsum flössen.

Beispielsweise in die Renovierung des Eigenheims. Die Anschaffung von Materialien oder die Bezahlung von Handwerkern stellt volkswirtschaftlich gesehen Konsum dar und kann gleichzeitig für den Eigentümer eine sinnvolle Investition sein. Europaweit fast 20% und immerhin knapp über 11% in Deutschland entscheiden sich dafür. Bei den wenigsten Sparern hingegen dürften die freigewordenen Mittel ausreichen, um gleich eine neue Immobilie anzuschaffen. Und so geben auch nur 4% in Europa und knapp 6% in Deutschland an, ihr nicht (mehr) gespartes Geld in Betongold zu stecken.

So unerfreulich also Sparer in Deutschland und ganz Europa die niedrigen Zinsen finden – den damit gesetzten Handlungsanreizen können sie sich weder hier noch dort entziehen. Offensichtlich setzt die Niedrigzinspolitik also zumindest auf Konsumentenseite die gewünschten Hebel in Bewegung. Darauf, dass sich diese Bewegung auch in nachhaltiger Weise in der Preisentwicklung zeigt, wartet die EZB allerdings bislang vergebens. In den zuletzt erreichten Werten von um die 2% spiegeln sich vor allem Ausschläge bei den volatilen Lebensmittelpreisen und die anscheinend schon wieder beendete Erholung des Ölpreises nach dem Rekordtief des letzten Jahres. Die um derartige Einflüsse bereinigte Kerninflation hingegen steckt schon seit April letzten Jahres bei unter 1% fest und macht keine Anstalten, in absehbarer Zeit nennenswert in Richtung der Zielmarke von „unter, aber nahe an 2%“ zu klettern. Aller Voraussicht nach werden uns also niedrige Zinsen noch eine Weile erhalten bleiben – und Mario Draghi mit dem Gegenwind insbesondere aus Deutschland leben müssen.