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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

T minus 728: Die Brexit-Uhr tickt | 31.03.2017
Der offizielle Brexit-Startschuss ist gefallen. Nach über vier Jahren des Drohens, Bangens und Hoffens war es diese Woche so weit: Großbritannien überreichte der EU die offizielle Austrittserklärung (Artikel 50). Der Prozess, der im Januar 2013 mit der Ankündigung eines Referendums seitens des damaligen Premierministers Cameron begann und der im Juni 2016 zum Brexit-Votum führte, geht jetzt ans Eingemachte. Seit zwei Tagen läuft der Countdown, den Austritt aus und die zukünftigen Beziehung zur EU neu zu verhandeln. Noch 728 Tage verbleiben und die Fronten haben sich diese Woche ordentlich verhärtet.

Jetzt geht es also los. Nachdem Großbritannien die europäischen Partner gut neun Monate auf die offizielle Austrittserklärung warten lassen hat, tickt die Uhr jetzt zum Nachteil der Briten. Die EU geht es erst einmal ruhig an. So will man zunächst über den Austritt und dann über neue Handelsverträge sprechen – nicht zeitgleich. Außerdem warten die EU-Mitglieder bis Ende April, bevor man sich zu einem ersten Brexit-Gipfel trifft. Bis die europäischen Länder sich auf eine gemeinsame Linie geeinigt haben, kann es also noch eine Weile dauern. Hinzu kommt, dass die Wahlen in Frankreich und Deutschland auch noch zu einigen Verzögerungen führen können. Großbritannien könnte in den kommenden Wochen sehr schnell und auch schmerzlich merken, dass die Vorstellung, die EU habe Interesse an einem schnellen und für Großbritannien vorteilhaften Deal, eher Wunschdenken als Realität ist. Niemand möchte einen hässlichen Rosenkrieg, aber der EU wird alles daran liegen, geschlossen aufzutreten und keinen Präzedenzfall zu schaffen, bei dem das wirtschaftliche Leben außerhalb der EU besser als innerhalb der EU ist.

Wenn die Zeit abgelaufen ist und es bis dahin keinen Deal gibt, hat Großbritannien deutlich mehr zu verlieren als die EU. In diesem Falle würden die Handelsregeln der World Trade Organisation (WTO) in Kraft treten. Das hieße automatisch Zölle von 10 % und mehr zwischen der EU und Großbritannien. Viele Brexit-Befürworter wollen diese Wirklichkeit nicht wahr haben. Sie verstecken sich hinter der Tatsache, dass es Großbritannien seit dem Brexit-Votum wirtschaftlich gut geht. Hatten nicht alle Analysten auch für den Fall des Brexit-Votums schon einen Konjunktureinbruch vorhergesagt? Ja, viele haben das. Die meisten Berechnungen bezogen sich allerdings auf den tatsächlichen Brexit. Momentan (und auch in den kommenden zwei Jahren) ist und bleibt das Vereinigte Königreich auch noch Bestandteil der EU – mit allen Rechten und Pflichten. Wirtschaftliche Folgen entstehen daher eigentlich nur über den Wechselkurskanal und Vertrauenseffekte.

Was nicht ist, wird aber leider doch noch werden. Denn die negativen Folgen des Brexit werden noch kommen. Ein Teil der Wirtschaft ist jedoch schon jetzt negativ vom Ausstieg aus der EU betroffen, wie unser Chart der Woche zeigt: der britische Konsument.

 

 

Denn seit dem Brexit-Referendum ist die britische Währung kontinuierlich gefallen, wodurch sich Einfuhrpreise verteuert haben – keine gute Entwicklung für ein Land, dass deutlich mehr importiert als exportiert. So ist die Inflation kontinuierlich gestiegen und im Februar auf den höchsten Wert seit September 2013 geklettert. Dazu kommt, dass sich auch teurere Treibstoff- und Nahrungsmittelpreise langsam ins verfügbare Einkommen der Briten fressen, während gleichzeitig das Lohnwachstum konstant bleibt und mit 2,3% gegenüber dem Vorjahr auf dem gleichen Level wie die Inflationsrate steht. Angesichts zögernder Unternehmen bei Neueinstellungen und Investitionen sind das nicht die besten Aussichten für den britischen Konsumenten, was sich auch im Verbrauchervertrauen widerspiegelt. Und zumindest während der zweijährigen Verhandlungen wird der Konsument auch nicht von den freigewordenen EU-Haushaltsgeldern profitieren – denn die werden erst mit dem endgültigen Austritt aus der EU verfügbar und müssen bis dahin noch brav weiter bezahlt werden.

Zwei Jahre mögen lang erscheinen – um Verträge und Bedingungen jedoch neu zu verhandeln, ist das eine verdammt kurze Zeit. Schottland steht ebenfalls schon in den Startlöchern, der britischen Regierung den Neustart schwer zu machen. Der Glaube, dass der Brexit Großbritannien in eine goldene Zukunft führt, in der es politisch und wirtschaftlich besser als bisher zugeht, könnte sich in den kommenden zwei Jahren noch als Irrtum erweisen.