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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Eine seltene Art: der "Mehrsparer" | 07.04.2017
Durch niedrige, teilweise sogar negative Zinsen und die über ein Anleihekaufprogramm zusätzlich in den Markt fließende Liquidität will die Europäische Zentralbank Konsum und Investitionen ankurbeln, um der Preisentwicklung nachhaltig auf die Sprünge zu helfen. Dies soll unter anderem dadurch passieren, dass durch die niedrigen Zinssätze das Sparen von Geld gegenüber den Alternativen „Konsum“ und „Investition“ an Attraktivität verliert. In einer Umfrage unter fast 15.000 Konsumenten in 13 europäischen Ländern sowie Australien und den USA konnten wir feststellen, dass die EZB hiermit auch Erfolg hat: In Deutschland wie auch im Rest Europas fühlen sich über 40% der Befragten (PDF, 464 KB) durch die niedrigen Zinsen veranlasst, weniger zu sparen oder gar bestehende Ersparnisse aufzulösen.

Allerdings sind auch Wirkungsmechanismen denkbar, die zu gegensätzlichen Effekten führen. So ist vorstellbar, dass Banken es nicht riskieren wollen, die ihnen von ihrer Zentralbank abverlangten Negativzinsen an die Kunden weiterzubelasten. Um dennoch ihre Gewinnmargen zu erhalten, ist die Versuchung groß, zum Ausgleich die Zinsen auf der Kreditseite sogar zu erhöhen, statt sie zu senken – was Investitionen und Konsum nicht eben beflügeln dürfte. Ein derartiges Vorgehen ist von Banken in skandinavischen Ländern tatsächlich bekannt.

Aber auch wenn die Banken im Sinne der Währungshüter handeln und die Zinsen auf Spar- wie auf Kreditseite gleichermaßen senken – was in der Eurozone weitestgehend passiert ist –, ist damit noch nicht sichergestellt, dass Bankkunden auf diese Anreize auch wie gewünscht reagieren. Denn niedrige Zinsen können durchaus auch ein Grund sein, sogar mehr anstatt weniger zu sparen. Wer beispielsweise bis zu einem zukünftigen Zeitpunkt einen bestimmten Betrag angespart haben will, der muss seine Sparrate erhöhen, um die Auswirkung geringerer Zins- und Zinseszinszahlungen auszugleichen. Soll das angesparte Guthaben anschließend regelmäßig einen bestimmten Betrag an Zinsen abwerfen – beispielsweise zur Aufbesserung der Rente -, so wird hierfür bei niedrigeren Zinssätzen ein höheres Gesamtguthaben benötigt, was diesen Effekt weiter verstärkt.

 

 

Und es gibt sie tatsächlich, die „Mehrsparer“. Allerdings ist es eine kleine Minderheit. Im europäischen Durchschnitt sind es knapp 4%, in Deutschland nicht mal 3% aller Befragten, die angeben, aufgrund niedriger Zinsen mehr und nicht weniger sparen zu wollen. Wie unser Chart der Woche zeigt, spielen die oben genannten finanzmathematischen Erwägungen europaweit dabei die Hauptrolle. Mehr als 40% der „Mehrsparer“ geben an, ein bestimmtes Sparziel erreichen zu wollen. Noch etwas höher liegt der Anteil derjenigen, für die ihre Ersparnisse Teil der Altersvorsorge sind und die deshalb mehr auf die hohe Kante legen als bisher.

In Deutschland hingegen wird die Motivationslage dominiert von einer allgemeinen Besorgnis hinsichtlich der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung – die wenigen Menschen, die hierzulande mehr sparen, tun dies hauptsächlich, weil sie die historisch niedrigen Zinsen als Alarmsignal für eine unsichere Zukunft wahrnehmen und deshalb Polster für schlechte Zeiten aufbauen wollen. Die rationalen Gründe, die Menschen angesichts niedriger Zinsen zu einer Aufstockung ihrer Ersparnisse veranlassen könnten, scheinen also in der Sparernation Deutschland nicht so recht zu greifen.

Was wir schon vor einigen Wochen in unserer ersten Auswertung der Umfrage (PDF, 423 KB) feststellen konnten, zeigt sich hier erneut: Die besondere Beziehung der Deutschen zum Sparen geht offenbar über rein funktionale Aspekte wie die Aufbewahrung von Werten hinaus. Eine mögliche Erklärung dafür, warum hierzulande besonders lautstark auf die Niedrigzinspolitik geschimpft wird – obwohl (oder vielleicht auch gerade weil) man sich den damit gesetzten Anreizen nicht entziehen kann.