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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Hoffnung für Frankreichs Wirtschaft? | 21.04.2017
Zurück aus den Osterferien wartet die Welt gleich wieder mit reichlich Überraschungen auf. Während der IWF seine Jahresprognose für die Weltwirtschaft leicht angehoben hat, sind die zahlreichen politischen Unsicherheitsherde jedoch nicht weniger geworden: Neuwahlen in Großbritannien, das Türkei-Referendum, geopolitische Spannungen zwischen Trump und Nordkorea und die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl halten die Märkte in Atem.

Einer dieser Unsicherheitsherde zeigt sich am Sonntag, dann wenn die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl ansteht. Mit insgesamt vier Kandidaten, die den Wahlumfragen zufolge gute Chancen haben, in die zweite Runde am 7. Mai zu kommen, wird es ein enges Rennen. Da in der Geschichte Frankreichs noch nie ein Präsidentschaftskandidat in der ersten Runde mit absoluter Mehrheit gewählt wurde, sollte es auch bei dieser Wahl auf eine zweite Runde hinauslaufen.

Doch egal wer gewinnt, Frankreich braucht Reformen. Denn die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone dümpelt seit einigen Jahren vor sich hin. So hält sich seit 2012 hartnäckig eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, zudem sind die Staatsschulden überdurchschnittlich hoch, wie unser Chart der Woche zeigt. Frankreich hat eine der höchsten Staatsschuldenquoten der Welt. Deutschlands geliebte „Austerität“ war hier in den letzten Jahren nicht an der Tagesordnung und selbst die lockeren Regeln des Stabilitätspakts hat man gerne ignoriert und immer wieder Extrawürste aus Brüssel bekommen. Der immer noch starre Arbeitsmarkt sowie ein teures Steuersystem für Vollzeitbeschäftigte halten die Arbeitslosigkeit hoch. Auch die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs hat sich nicht rasant verbessert; zwar sind die Lohnstückkosten in den letzten Jahren gesunken, doch war das in anderen Eurozonenländern noch stärker der Fall. Auf internationalen Ranglisten zur Wettbewerbsfähigkeit liegt Frankreich meistens unter „ferner liefen“. So zum Beispiel bei der Rangliste des Weltwirtschaftsforums, wo Frankreich auf Position 21 zwischen Luxemburg und Australien liegt.

 

 

Veränderungen streben alle Kandidaten an, wenn auch teilweise auf radikale Weise, indem z. B. die Euromitgliedschaft beendet oder Vetos gegen Freihandelsabkommen eingelegt werden sollten, um die heimische Wirtschaft zu schützen. Wenn wir jedoch von einem Mittelweg ausgehen und die Unsicherheit aus dem Markt verschwindet, dann könnte die Präsidentschaftswahl durchaus einen Boost für die französische Wirtschaft bringen, indem ein Vertrauensschub, mehr private Investitionen, aber auch eine nachhaltige Finanzierung der Staatsfinanzen Wachstum generieren.

Der Sonntag bietet einen Vorgeschmack auf die Stimmung unseres Nachbarn, erst am 7. Mai wird endgültig Klarheit herrschen. Egal wie, Frankreich steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Die Wähler haben nun die Wahl zwischen einem offenen europäischen Frankreich oder einem geschlossenen und auf sich selbst konzentrierten Land.

Eine ausführliche englischsprachige Version zur französischen Wirtschaft und den Implikationen der verschiedenen Kandidaten finden Sie hier:

ING's French Economic Update: Reasons for optimism