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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Wer in Brüssel an den Uhren drehen möchte, braucht Geduld | 05.05.2017
Am Sonntag geht es in die letzte Runde der französischen Präsidentschaftswahl. Auch wenn der sozialliberale und unabhängige Kandidat Emmanuel Macron in den Umfragen nach wie vor über eine komfortable Mehrheit verfügt, sind immer noch um die 20 % der Wähler unentschlossen, zudem gilt es, die Wähler der ausgeschiedenen Präsidentschaftskandidaten zu mobilisieren. Und auch die letzte Fernsehdebatte hatte etwas Unvorhergesehenes, gegenseitige verbale Attacken und mitunter wenig Präsidiales bestimmten die letzten Tage des Wahlkampfs. Nichtsdestotrotz hat sich an den Märkten das Credo manifestiert, Macron habe die Debatte und somit auch den Einzug ins Präsidentenamt am Sonntag gegen Marine Le Pen gewonnen.

An den Märkten hat sich daher auch schon Erleichterung eingestellt, Macron’s vermeintlicher Sieg ist seit den letzten Tagen weitgehend eingepreist. Was also, wenn die rechtsextreme Le Pen am Sonntag tatsächlich noch das Ruder zu ihren Gunsten rumreißen sollte?

 

 

Zumindest waren die beiden Großereignisse des letzten Jahres – das Brexit-Referendum und die Wahl des US-amerikanischen Präsidenten – an den Börsen nur halb so schlimm wie gedacht, wie unser Chart der Woche zeigt. Weder das Brexit-Referendum noch Trumps Wahlsieg konnten dem Dax nachhaltig etwas anhaben, letzteres wurde entgegen der vorherigen Erwartungen sogar positiv aufgenommen. Und auch das Brexit-Referendum hat zwar eine heftige, aber kurze Marktreaktion ausgelöst. Bereits 24 Tage später hatte sich der DAX schon wieder vom Brexit-Schock erholt. In der europäischen Gemeinschaft läuft eben nicht alles ganz so schnell wie man meint. Bei Frankreich handelt es sich jedoch nicht um ein Land, das schon lange mit der EU hadert, sondern um eines der Gründungsmitglieder der europäischen Gemeinschaft, um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone und, nach Großbritanniens Austritt, der EU. Mit heftigen Reaktionen an den Finanzmärkten dürfte daher in den ersten Wochen sicherlich gerechnet werden, sollte Le Pen doch noch den Wahlsieg einfahren.

Doch wer in Brüssel an den Uhren drehen möchte, braucht Geduld – sei es als Reformator oder als „Exiteer“. Auch nach Sonntag dürften sich die Märkte daher nach einer positiven oder negativen Marktreaktion zeitnah wieder beruhigen und ihr Augenmerk auf eines der zahlreichen, noch in der Pipeline wartenden Ereignisse werfen.