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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Überstunden für die Repo-Men? | 12.05.2017
17:50 an einem Montag in den 1980er Jahren. Mit Fingerschnipsen und der sonoren Stimme von Hauptdarsteller Lee Majors setzt im ZDF die Titelmelodie der US-Serie „Ein Colt für alle Fälle“ ein. Der hauptberufliche Stuntman Colt Seavers jagt im Nebenjob Kautionsflüchtlinge und macht den Beruf des „Bounty Hunter“ hierzulande bekannt. Tatsächlich springen aber Kopfgeldjäger üblicherweise nicht von Hochhäusern. Wenn es gerade keine Kautionsflüchtlinge zu jagen gibt, verdienen sich viele von ihnen eine andere Art von Kopfgeld: In einem als „Repossession“ bezeichneten Vorgang entführen sie kreditfinanzierte und als Sicherheit übereignete Fahrzeuge aus dem Besitz ihrer Halter und übergeben sie gegen eine Prämie an den Kreditgeber, wenn die Raten ausbleiben (eine Form der Selbsthilfe, die hierzulande natürlich illegal wäre).

Durchaus denkbar, dass die sogenannten „Repo-Men“ bald Hochkonjunktur haben. Denn wie unser Chart der Woche zeigt: Die Lust der amerikanischen Konsumenten, sich ein neues Auto zuzulegen, wächst seit dem Ende der Finanzkrise beständig – ebenso wie die Lust der US-Banken, diesen Autowunsch zu erfüllen. Auch weniger solvente Kunden kommen meist ohne größere Schwierigkeiten an einen Kredit: Sollte es zu Zahlungsproblemen kommen, bleibt der Bank ja immer noch der unbürokratische Zugriff auf das als Sicherheit in den Kreditvertrag eingebrachte Fahrzeug. So stieg das Gesamtvolumen ausstehender Autokredite seit einem Tief im Jahre 2010 um rund 60% und macht inzwischen fast ein Drittel aller nicht durch Immobilien besicherten Kredite an den Privatsektor aus. Dabei ist es durchaus üblich, dass die Banken Forderungen aus solchen und anderen Krediten verbriefen und in Wertpapierform weitervermarkten.

 

 

Leicht fühlt man sich da an die Entwicklung auf dem Immobilien- und Hypothekenmarkt im Vorfeld der Finanzkrise erinnert, zumal auch die Verkaufszahlen von Neuwagen zuletzt zurückgingen – ein Abflauen des Immobilienbooms war schon 2007 der Auslöser der Krise gewesen. Auch Hauskäufer mit schwacher Bonität waren damals relativ problemlos an Kredite gekommen. In der Annahme stetig steigender Hauspreise wurden in manchen Fällen sogar tilgungsfreie Kredite vereinbart, bei denen die fälligen Zinsen durch die Wertsteigerungen der finanzierten Immobilie abgedeckt werden sollten, was mit den plötzlich sinkenden Preisen natürlich nicht mehr funktionierte. Gepfändete Immobilien zahlungsunfähiger Kreditnehmer verstärkten die Krise noch – plötzlich kamen zahlreiche Häuser per Zwangsversteigerung auf den Markt; die dadurch weiter sinkenden Preise ließen auch die Kalkulationen von bis dahin noch nicht betroffenen Kreditnehmern platzen.

An dieser Stelle zeigt sich schon ein wichtiger Unterschied: Wohl keine Bank geht davon aus, dass ein von ihr finanziertes Fahrzeug nach dem Erwerb im Wert steigt oder diesen auch nur beibehält – vielmehr ist gerade bei Neuwagen stets von einem deutlichen Wertverlust auszugehen. Entsprechend anders werden auch die Kredite und deren Rückzahlungen kalkuliert. Von daher sollte kein Kreditnehmer in Schwierigkeiten kommen, nur weil sich der Wert seines Autos anders entwickelt als erwartet. Und falls sich anderweitige Zahlungsprobleme ergeben sollten, ist der Automarkt, auf dem der Kreditgeber ein „repossessed“-Auto zu Geld machen könnte, sehr viel liquider als der für Häuser.

Die weltweite Veräußerung der gebündelten und verbrieften Immobilienkredite hatte in der Finanzkrise dazu beigetragen, dass Banken nicht abschätzen konnten, wie stark andere Institute von den Problemen am Immobilienmarkt betroffen waren. Geschäfte zwischen Geldhäusern kamen so teilweise zum Erliegen, was die Refinanzierung der Banken und somit auch die Kreditvergabe an die Realwirtschaft beeinträchtigte. Grundsätzlich wäre das auch für die verbrieften Autokredite denkbar – allerdings reden wir hier über eine ganz andere Größenordnung. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise hatten die US-Haushalte Immobilienschulden in Höhe von rund 10 Billionen Dollar angehäuft – neunmal so viel, wie derzeit an Autokrediten vergeben ist. Sollten US-Autokäufer in Zahlungsschwierigkeiten kommen, könnte das also Überstunden für die „Repo-Men“ bedeuten – die nächste weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise wäre das aber noch nicht.