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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Erster Test für Merkron | 02.06.2017
Was wäre der Beginn des Sommers ohne kriselnde Beziehungen? Spekulationen um Neuwahlen in Italien schon in diesem Herbst, wieder einmal anstehende Diskussionen um einen Schuldenerlass für das immer noch geplagte Griechenland und eine Erschütterung der globalen Weltordnung im Zuge des G7-Gipfels dürften auch diesem Sommer die gewisse Würze verleihen. Gerade die Spannungen zwischen den USA und vielen anderen Ländern könnten uns einen heißen Sommer bescheren. Während Trump gestern den Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet hat, versucht die Europäische Kommission in diesen Zeiten auf eine verstärkte Einigung und Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion zu setzen. Die Vorschläge sind ein erster Test für das neue europäische Traumpaar, Angela Merkel und Emmanuel Macron.

Die Eurozone lebt. Das ist die Erkenntnis nach den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich. Herrschten doch in den ersten Monaten des Jahres wieder Zweifel am europäischen Projekt, so haben die Wahlen nicht nur zu Erleichterung geführt, sondern zusammen mit der positiven Konjunkturentwicklung sogar zu regelrechter Europhorie. Mit Vertrauensindikatoren nahe Allzeithochs, einer Erholung über Sektoren und Länder hinweg und nachlassenden politischen Risiken präsentiert sich die Eurozone so robust wie lange nicht mehr, wie unser Chart der Woche zeigt. Selbst aus kriselnden Südländern kommen positive Makro-Nachrichten. Und auch die Investitionen ziehen langsam wieder an, auch wenn diese nach wie vor verhalten sind.

 

 

Der Schein der guten konjunkturellen Lage kann allerdings auch trügen. Die strukturellen und institutionellen Probleme der Eurozone sind noch lange nicht gelöst. Daher könnte es fatal werden, um mit weiteren Reformen bis zur nächsten Krise zu warten. Das ist der Ansatz der Europäischen Kommission. In ihrem aktuell sogenannten Reflexionspapier kommt sie mit etlichen Vorschlägen zur weiteren Integration der Währungsunion. Neben Bereichen, in denen bereits Reformen und institutionelle Veränderungen begonnen haben, wie z.B. der Bankenunion, einer gemeinsamen Einlagensicherung, neuen Finanzinstrumente zur Diversifizierung von Bankbilanzen und einer Stärkung der Politikkoordination werden auch kühne Schritte vorgeschlagen. So stehen ein europäischer Finanzminister, ein Europäischer Währungsfonds und eine „europäische sichere Anlage“, ehemals bekannt als Eurobonds, auf der Wunschliste.

Das neue europäische Traumpaar, Merkel und Macron oder kurz Merkron, hat in den letzten Tagen zusammen und alleine die Flamme für Europa und den Euro neu entfacht. Beide haben sich für eine Intensivierung des europäischen Projektes ausgesprochen. Leider hat man so etwas in den letzten Jahren schon häufig gehört. Es gab etliche Vorschläge zur Verbesserung der Währungsunion, von einzelnen oder auch vielen Europäischen Präsidenten. Die meisten dieser Vorschläge wurden dann allerdings in den Brüsseler Muehlen zermahlen und verschwanden im Nichts. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gelehrt, dass Europa eigentlich nur mit neuen drastischen Veränderungen kommt, wenn es mit dem Rücken zur Wand steht. Jetzt gibt es die einmalige – und wahrscheinlich letzte – Gelegenheit, um in einer Periode des Aufschwungs wichtige Reformen zu planen und festzulegen. Die Europäische Kommission fühlt dem neuen Traumpaar Merkron auf den Zahn. Merkel und Macron müssen jetzt zeigen, dass ihre Europhorie nicht nur leere Wahlversprechen sind. Ansonsten wird es in der Eurozone auch in der Zukunft noch viele Sommer mit Krisen geben.