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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Ölflation
„Ölpreise weiter unter Druck“, so lautet eine gängige Schlagzeile in der derzeitigen Wirtschaftsberichterstattung. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Einflussfaktoren auf dem Ölmarkt verschoben haben. Wer hätte vor 10 oder 20 Jahren erwartet, dass bei starken politischen Spannungen im Nahen Osten die Ölpreise sinken und nicht steigen?

Das alles hat damit zu tun, dass die OPEC-Staaten nicht mehr den Ton angeben. Hohe und nur langsam sinkende Lagerbestände sowie Produktionssteigerungen der Nicht-OPEC-Staaten haben den Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent zuletzt binnen Monatsfrist um rund 15 Prozent nach unten gedrückt. Die von der OPEC zur Stützung der Preise beschlossene Verlängerung der Förderkürzung bis März 2018 wird auch konterkariert durch die flexible US-Schieferölförderung, die schon bei geringen Preisanstiegen schnell ausgeweitet werden kann.

Der Rückgang des Ölpreises dürfte auch eine andere wichtige Größe mäßigend beeinflussen, die in der Diskussion um ökonomische Themen stets eine große Rolle spielt: die Inflationsrate. Nach den in den letzten Monaten wieder höheren Inflationszahlen war insbesondere in Deutschland der politische und mediale Druck auf die Europäische Zentralbank gewachsen, endlich den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik in Angriff zu nehmen, um Preissteigerungen zu begrenzen und Sparern wieder höhere Zinseinnahmen zu ermöglichen.

 

 

Headline vs. Core
Unser Chart der Woche zeigt den dominanten Einfluss der Ölpreise auf den Verlauf der sogenannten „Headline Inflation“, also der Zahl, die als Inflationsrate der Verbraucherpreise den Medien zu entnehmen ist. Erkennbar ist auch, dass die Kerninflation, die um volatile Preise wie Lebensmittel oder eben Energiekosten bereinigt ist, beständig um 0,8 bis 0,9 Prozent schwankt und nur gelegentlich an der Ein-Prozent-Marke kratzt – mit Ausnahme eines Kalendereffekts aufgrund des 2017 im Vergleich zum Vorjahr später gelegenen Osterfests, der für ein Absinken im März und einen Anstieg im April sorgte.

Mit der aktuellen Ölpreisentwicklung sollte auch die Inflationsrate weiter fallen und so den EZB-Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Diese neue Entwicklung deutete sich schon bei der letzten Ratssitzung an, bei der EZB-Präsident Draghi niedrigere Inflationsprognosen für die kommenden Jahre präsentierte. Ganz allgemein hat die EZB in den letzten Jahren aber immer wieder deutlich gemacht, nicht auf kurzfristige Schwankungen der Inflationsrate zu reagieren – erst recht nicht, wenn diese auch noch aus extern beeinflussten Lebensmittel- und Energiepreisen resultierten. Es sind die Kerninflation und Lohnentwicklungen, die für die Entscheidungen der Währungshüter die entscheidende Rolle spielen.

Einstieg in den Ausstieg
Und so wird der aktuell sinkende Ölpreis der EZB zwar den Umgang mit ihren Kritikern erleichtern, ihre Geldpolitik in den kommenden Wochen aber überhaupt nicht beeinflussen. Die Zentralbanker werden sich darüber freuen, dass die europäischen Haushalte wieder etwas mehr Geld zum Ausgeben haben und der Aufschwung weitergeht; die Haushalte werden sich freuen, dass dieser Aufschwung weitgehend ohne begleitenden Inflationsanstieg auskommt. Und wie nach der jüngsten Ratssitzung wird die EZB auch weiterhin die Märkte behutsam auf den Einstieg in den Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm vorbereiten – ganz unabhängig vom Ölpreis.