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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Ungleich ist nicht gleich ungleich
Ausnahmezustand in Hamburg. Unter der Bewachung eines gewaltigen Polizeiaufgebots treffen sich derzeit beim G20-Gipfel die Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Aber auch Bürgerrechtler, Umweltaktivisten und Globalisierungskritiker sind in großer Zahl erschienen, um unter strengen Auflagen gegen das Treffen der Mächtigen und aus ihrer Sicht falsche Weichenstellungen der Weltwirtschaft zu protestieren. Die Teilnehmer wie die Gegner des Gipfels beschäftigen sich dabei mit ökologischen Problemen wie dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen, ökonomischen Themen wie der Zukunft des Freihandels und politischen Fragen wie Waffenexporten oder Menschenrechtsverletzungen. Einer der Kritikpunkte, der mit Bezug auf die ökonomische Entwicklung der letzten Jahrzehnte immer wieder vorgebracht wird, ist steigende Ungleichheit. Immer weiter gehe die Schere zwischen Arm und Reich auf, zwischen Gut- und Spitzenverdienern einerseits und denen, die kaum über die Runden kommen andererseits, so der Vorwurf.

Doch ist das wirklich der Fall? Nein – oder zumindest nicht bei Anwendung des weltweiten Blicks, den ja gerade viele der Kritiker für sich reklamieren. Dies ist jedenfalls eine der Erkenntnisse aus der jüngsten Arbeit zweier schwedischer Ökonomen. Für ihre Untersuchung stützten sich Olle Hammar und Daniel Waldenström auf eine öffentlich zugängliche Datensammlung einer Schweizer Großbank, die seit 1970 im Drei-Jahres-Rhythmus Preise verschiedener Produkte und Einkommensdaten unterschiedlicher Berufe in 66 Ländern erhoben hat. Dabei zeigte sich: Abgesehen von einem minimalen Anstieg zwischen 2012 und 2015 lag der Gini-Koeffizient der weltweiten Nettoeinkommen seit 1970 noch nie so niedrig wie seit Mitte der 2000er Jahre.

Maß für Ungleichverteilung
Diesen Koeffizienten nutzen Statistiker als Maß für Ungleichverteilung. Er kann Werte von 0 für maximale Gleichverteilung bis 1 für maximale Ungleichverteilung annehmen. Für die Betrachtung einer Einkommensverteilung bedeutet das: Bei einem Gini-Koeffizienten von 0 erzielt jede Person der betrachteten Gruppe dasselbe Einkommen, bei einem Wert von 1 erzielt nur eine Person das gesamte Einkommen, alle anderen gehen leer aus.

 

 

Weltweite Einkommensungleichheit und extreme Armut nehmen ab
Handelt es sich bei zunehmender Ungleichheit also nur um Einbildung, bei Kritik daran um Panikmache? Keineswegs. Denn wie unser Chart zeigt, liegt die abnehmende weltweite Ungleichheit vor allem daran, dass sich im Zeitalter von Freihandel und global integrierten Wertschöpfungsketten die Einkommensniveaus verschiedener Länder einander angenähert haben – abgenommen hat also die Ungleichheit zwischen Ländern. Das ist zunächst einmal eine gute Sache, zumal mit dieser Entwicklung auch große Fortschritte in der weltweiten Bekämpfung extremer Armut einhergehen: So hat beispielsweise die Zahl der Menschen, denen weniger als 1,25 US-Dollar täglich zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts zur Verfügung stehen, zwischen 1990 und 2015 um 56 % abgenommen – während im gleichen Zeitraum die Weltbevölkerung um 37 % angestiegen ist.

Innerhalb einzelner Länder ergibt sich ein anderes Bild
Doch wer Kritik an zunehmender Ungleichheit übt, stützt sich dabei natürlich vor allem auf das, was er vor der eigenen Haustür beobachten kann. Und wie unserem Chart ebenfalls zu entnehmen ist, hat die Ungleichverteilung der Einkommen innerhalb der jeweiligen Länder sehr wohl zugenommen – und die Verteilung von Vermögen ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Hier zeigt sich, dass die Wohlfahrtseffekte der Globalisierung vor allem in den Industrieländern längst nicht bei jedem angekommen sind – und dass die Politik noch kein Mittel gefunden hat, um eine Beteiligung aller an den Effizienzgewinnen der internationalen Arbeitsteilung sicherzustellen. Wer über zunehmende Einkommensunterschiede spricht, muss also nicht gleich gegen Freihandel sein. Die Staatschefs der G20 könnten sich durchaus auch darüber austauschen, wie man die sogenannte Freihandelsprämie etwas anders verteilen kann.