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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Faule Kredite stinken noch
In der Bankenlandschaft ist es in den vergangenen Wochen wieder hoch her gegangen. Neben einer spanischen Bank, die bei ihrer Konkurrenz unterkam, mussten auch zwei italienische Banken gerettet werden, unter anderem doch wieder mit Steuergeldern. Faule Kredite, sogenannte „Non performing loans“ (NPLs), haben den geretteten Banken das Leben schwer gemacht und stellen auch immer noch ein großes Problem für den europäischen Bankensektor dar. Fast eine Billion Euro schlummerte davon Ende 2016 in den Bilanzen der EU-Banken, was ca. 7 % des gesamten Bruttoinlandsprodukts der EU entspricht.

Unter anderem ein Grund für die Eurogruppe, diese Woche Leitlinien für den Umgang mit den notleidenden Krediten zu erstellen. Ein Thema, das eigentlich schon seit dem Beginn der Finanzkrise immer wieder auf der Tagesordnung stand. Bis jetzt wurde dem Thema fast ausschließlich auf der nationalen Ebene begegnet, aber nun sollen Problemlösungen auch auf die europäische Ebene gehoben werden. Dieses Mal auch wirklich.

96% des Bestands aller notleidenden Kredite entfallen auf Haushalte oder nicht-finanzielle Unternehmen
Denn dass diese Kredite durchaus ein Sprengkraftpotential haben, zeigen wir in unserem Chart der Woche. Die Risiken variieren per Land extrem: Zwischen 1 % (Schweden) und bis zu 46 % (Griechenland) beträgt der Brutto-Anteil ausfallgefährdeter Kredite an allen vergebenen Krediten. Dabei entfallen fast die gesamten notleidenden Kredite auf Haushalte (35 %) oder nicht-finanzielle Unternehmen (61 %). Kredite gelten in der Regel dann als notleidend, wenn seit mehr als 90 Tagen die vereinbarten Ratenzahlungen ausbleiben. Die hohe Anzahl an ausfallgefährdeten Krediten in südeuropäischen Ländern ist vor allem auf die schwache wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre zurückzuführen. Rezession und hohe Arbeitslosigkeit haben Haushalte und Unternehmen in Zahlungsprobleme gebracht. Während die hohe Anzahl an ausfallgefährdeten Krediten also einerseits Ausdruck der wirtschaftlichen Misere der letzten Jahre ist, stellt sie gleichzeitig ein Problem für die Zukunft dar. Zu viele faule Kredite in den Büchern der Banken machen die Finanzierung neuer Investitionen schwieriger, nehmen den Banken die Luft für neue Kreditvergabe und sind damit eine Bremse für den aktuellen Aufschwung. Die Kunst ist nun, Banken diesen Raum für mehr Kreditvergabe zu geben, ohne das gesamte Bankensystem einstürzen zu lassen.

 

 

Mit einem einheitlichen Ansatz dem NPL-Problem begegnen?
Mit dem Aktionsplan auf europäischer Ebene soll nun ein einheitlicher Ansatz in allen Ländern in Gang gesetzt werden, um die derzeitigen NPLs zu reduzieren und gleichzeitig ihre zukünftige Entstehung zu verhindern. Der Fokus liegt dabei auf Maßnahmen in Bezug auf die Bankenüberwachung, einer Reform der Insolvenz- und Schuldenerhebungsverfahren und der Umstrukturierung der Bankenbranche in Bezug auf die NPL-Handhabung. Zudem soll die EU-Kommission einen „Bauplan“ für nationale Bad Banks entwickeln, also für Vermögensverwaltungsgesellschaften, welche die faulen Kredite sammeln und verkaufen. Über einen ebenfalls zu entwickelnden Sekundärmarkt könnten die NPLs dann gehandelt werden.

In sechs Monaten findet wieder eine erneute Bestandsaufnahme statt – spätestens bis Ende 2018 sollen alle Richtlinien und neuen makro-aufsichtsrechtlichen Ansätze stehen. Ob die Konjunktur wirklich bis dahin warten kann, ist zu bezweifeln. Europa bleibt bei der Bewältigung der Finanz- und Bankenkrise irgendwo zwischen den USA und Japan hängen. In den USA gab es eine Bankenunion, am Anfang der Krise wurde beherzt und deutlich eingegriffen. Im Japan der neunziger Jahre wurden die Probleme der Finanzkrise unter den Teppich gekehrt, noch heute spürt das Land die Folgen davon. Europa hat seit 2008 viele Reformen durchgeführt: Bankenaufsicht, Bankenabwicklung, Bankenunion. Das Problem der neuen Regeln bleibt allerdings, dass sie nur reibungslos funktionieren, wenn alle Länder mit einer weißen Weste an den Start gehen würden. Das Problem der Altlasten wurde bisher nicht (einheitlich) gelöst. Es bleibt zu hoffen, dass der Geist eines neuen einheitlichen Ansatzes gegen faule Kredite schon vor Ende 2018 weht. Funktionieren wird es nur, wenn dabei wirklich europäisch gedacht und gehandelt wird und Regierungen die Sonderbehandlung sogenannter „nationaler Champions“ loslassen.