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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Urlaubsreif
Sommerzeit. Urlaubszeit. Zeit, diverse Verkehrsmittel zu besteigen, die gewohnte Umgebung (hoffentlich) gegen ein paar Tage Wohlfühloase zu tauschen und nicht an die Arbeit zu denken. Für Ökonomen sind Reise und Urlaub aber auch während der Arbeitszeit immer wieder ein interessantes Thema, denn die Bedeutung des Tourismus schlägt sich auch in wichtigen Kennzahlen nieder. So sprang beispielsweise die Kerninflation in der Eurozone nach 0,7 % im März plötzlich auf 1,2 % im April 2017, um dann im Mai wieder auf 0,9 % zurückzufallen – dabei sollte dieser Indikator aufgrund der Bereinigung um volatile Preise wie die von Energie und Lebensmitteln eigentlich weniger schwankungsanfällig sein. Daher schenkt auch die Europäische Zentralbank diesem Wert besondere Beachtung, um die langfristige Inflationsentwicklung besser abschätzen zu können.

Teure Feiertage
Grund für den außergewöhnlichen Hüpfer der Kerninflation war dabei das Osterfest, das 2016 noch im März gelegen hatte, dieses Jahr aber im April: Hotelübernachtungen und Flüge sind um die Feiertage herum deutlich teurer – vor allem dadurch war der Preisanstieg im Vergleich zum Vorjahresmonat im März gering und im April entsprechend größer.

 

 

Traditionell steht der Tourismus jedoch vor allem aufgrund seiner Bedeutung für die Realwirtschaft im ökonomischen Fokus. Insbesondere die südeuropäischen Länder, in denen die Folgen der Finanzkrise noch immer deutlich spürbar sind, sind auf das Geld angewiesen, das Reisende ins Land bringen. Unser Chart der Woche zeigt für ausgewählte europäische Länder die Einnahmen und Ausgaben aus dem grenzüberschreitenden Tourismus. Auf der Ursprungsdiagonalen hält sich beides exakt die Waage; links oberhalb davon finden sich Länder mit einem Überschuss, rechts unterhalb die mit einem Defizit.

Reisefreudige Deutsche
Als größte europäische Volkswirtschaft erzielt natürlich auch Deutschland hohe Einnahmen aus dem Tourismus – was durch die reisefreudigen Einwohner jedoch weit mehr als ausgeglichen wird. Insgesamt geben deutsche Touristen fast 40 Milliarden Euro mehr im Ausland aus, als ausländische Reisende nach Deutschland tragen. Dieses Defizit kann den vielkritisierten deutschen Handelsbilanzüberschuss wenigstens zu einem kleinen Teil ausgleichen. Am anderen Ende des Spektrums können sich viele Südeuropäer weiterhin keine Auslandsurlaube leisten – was in Verbindung mit der nach wie vor hohen Attraktivität als Reiseziel für Touristen aus anderen Ländern für hohe (und dringend benötigte) Überschüsse sorgt.

Wenn Sie also demnächst über spanische Inseln wandern, an griechischen Stränden in der Sonne braten oder am Trevi-Brunnen einen Espresso schlürfen, wissen Sie, dass Sie nicht nur zu Ihrer persönlichen Erholung beitragen – sondern auch zur wirtschaftlichen Erholung ihres Gastgeberlandes. Gute Reise!