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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Geht es den Exporten jetzt an den Kragen?
Nachdem der Euro zum Dollar seit 2014 stark gefallen ist und sogar zwischenzeitlich die Parität zum Dollar vorausgesagt wurde, schwingt er sich seit einigen Wochen wieder in luftige Höhen auf. Beflügelt durch gute Konjunkturdaten und das bevorstehende Zurückfahren der lockeren Geldpolitik seitens der EZB auf der einen Seite sowie eine abwartende US-Zentralbank, schwächere US-Konjunkturdaten, das Schwinden der Hoffnung auf ein „großartiges“ Investitionsprogramm kombiniert mit einem allgemeinen Vertrauensverlust der Trump-Regierung auf der anderen Seite, hat der Euro Aufwind bekommen, während der US-Dollar nach unten gezogen wird. Innerhalb von drei Monaten ging es von 1,05 auf 1,17. Und wie so häufig bei einer Erstarkung der Gemeinschaftswährung erfreut man sich in Deutschland nicht des gestiegenen Vertrauens in die Eurozone, sondern macht sich Sorgen um die eigenen Exporte. Zu Recht?

Um ganze 10 % ging es für den Euro gegenüber dem Dollar seit Beginn des Jahres nach oben, auf einen Wert, der seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen wurde. Schlechte Zeiten also, die der Eurozone und besonders dem Exportweltmeister da bevorstehen? Denn in der volkswirtschaftlichen Theorie bewirkt eine Währungsaufwertung teurere Exporte, günstigere Importe und mindert den Inflationsdruck, während eine Abwertung die gegenteiligen Effekte aufweist. Gerade für Deutschland keine rosigen Aussichten, wenn sich die Exporte nun verteuern.

Theorie und Praxis gehen nicht immer Hand in Hand
Soviel zur Theorie. Die Praxis sieht allerdings etwas anders aus. Das beginnt schon damit, dass der Dollarkurs ein sehr eingeschränktes Bild der Realität widergibt. Einen vielen besseren Eindruck der Wechselkursentwicklung gibt der sogenannte handelsgewichtete effektive Wechselkurs, der in den letzten Wochen nur halb so stark gestiegen ist wie der Euro-Dollarkurs. Der effektive Wechselkurs gibt den Außenwert einer Währung gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner wider.

Hinzu kommt, dass vor allem deutsche Exporte häufig eine asymmetrische Reaktion auf Wechselkursschwankungen zeigen: sie profitieren von einer Schwächung des Wechselkurses, bleiben aber von einer Steigung des Wechselkurses relativ unberührt, wie unser Chart der Woche zeigt. So ist die deutsche Handelsbilanz mit den USA – Exporte minus Importe – trotz Wechselkursänderungen und abgesehen vom Einbruch im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise stetig gestiegen.

 

 

Diese asymmetrische Reaktion hat damit zu tun, dass deutsche Unternehmen sich immer mehr gegen Wechselkursrisiken eingedeckt haben (hedging), aufgrund ihrer starken Marktposition Wechselkursschwankungen über Gewinnmargen auffangen und die Nachfrage nach deutschen Produkten relativ wenig auf Preisschwankungen reagiert. In der aktuellen Diskussion nicht vergessen darf man zudem die Tatsache, dass das absolute Niveau des Eurokurses momentan natürlich immer noch sehr niedrig ist.

Daher sollte man in der aktuellen Aufregung über den gestiegenen Euro die Kirche im Dorf lassen. Bei einem Eurokurs von 1,17 zum Dollar gibt es keinen Grund zur Panik. Die deutschen und europäischen Exporte werden jetzt nicht in ein tiefes Loch fallen. Gleichzeitig ist die Diskussion aber auch eine gute Erinnerung, dass die größten Risiken für die deutsche und europäische Konjunktur momentan aus dem Ausland kommen: schwächerer Dollar, schwächeres Pfund, Ende des amerikanischen Konjunkturzyklus und Brexit. Ein Grund mehr, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der Eurozone zu stärken und die Inlandsnachfrage weiter zu verbessern.

Starker Euro: Mehr Vertrauen und günstigerer Urlaub
Die Angst vor dem stärkeren Euro ist überzogen. Einer der konjunkturellen Rückenwinde verliert an Schwung, Gegenwind sieht aber anders aus. Und so sollte man sich momentan noch der positiven Seiten des stärkeren Euros erfreuen: er ist Zeichen von mehr Vertrauen in die Eurozone und macht eine Reise in die USA (oder ein Land mit US-Dollarwährung) etwas günstiger.