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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Kassandra Kanada?
Nachdem sich in den ersten Monaten des Jahres die Inflationsrate mit Babyschritten der Zielmarke der EZB von „unter, aber nahe an zwei Prozent“ genähert hatte, wurden aus Deutschland erwartungsgemäß Rufe laut, dass die Europäische Zentralbank nun endlich den Einstieg in den Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik einleiten müsse. Im selbstverstandenen „Land der Sparer“ möchte man endlich wieder eine nennenswerte Verzinsung seiner Bankguthaben sehen. Doch eine alte Weisheit könnte auch hier zutreffen: „Sei vorsichtig, was du dir wünschst – du könntest es bekommen“.

Im Augenblick weiß Kanada davon ein Lied zu singen. Nicht nur in der Eurozone, sondern rund um die Welt hatten Zentralbanken ihre Leitzinsen reduziert, um die Folgen der Finanzkrise einzudämmen und die wirtschaftliche Erholung zu unterstützen. Dabei gelang es der kanadischen Wirtschaft trotz der Nähe zu den USA, dem Ursprung der internationalen Finanzkrise, einen Einbruch weitgehend zu vermeiden. Insbesondere der Immobilienmarkt, der in den USA Ausgangspunkt der Krise und fast völlig zusammengebrochen war, erfreute sich nördlich der Grenze bester Gesundheit – die Preise stiegen einfach weiter. Während in den USA die Immobilienpreise nur etwa 13 Prozent über dem Niveau von 2007 liegen, sind sie in Kanada um rund das Doppelte gestiegen, wie unser Chart der Woche zeigt. Gründe für den Immobilienboom sind die niedrigen Zinsen, die brummende Konjunktur, steigende Beschäftigung und internationale Investoren. Faktoren, die auch uns in Deutschland nicht ganz unbekannt sind. Mit den Hauspreisen entwickelte sich auch die Verschuldung der kanadischen Haushalte – teils, weil größere Kreditsummen für den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung aufgenommen werden mussten, teils, weil Immobilienbesitzer mit den Preisen ihres Eigentums auch ihren Wohlstand steigen sahen und wenig Bedenken hatten, Konsumwünsche per Kredit zu finanzieren. Mittlerweile haben sich die Preisentwicklungen auch von den Einkommensentwicklungen entkoppelt. Wohnraum in Ballungsgebieten ist für viele Menschen der sogenannten Mittelschicht nahezu unbezahlbar geworden.

 

 

Im Juli nahm nun die kanadische Zentralbank die erste Leitzinserhöhung seit sieben Jahren vor und hob den Satz von 0,5 auf 0,75 Prozent an, um steigender Inflation und einer möglichen Überhitzung des Immobilienmarktes vorzubeugen. Angesichts einer robusten Konjunkturentwicklung eigentlich ein vertretbarer Schritt. Hinzu kam, dass die Regierung von Ontario einen „Fair Housing Plan“ verabschiedete, der vor allem ausländischen Spekulanten einen Riegel vorschieben soll. Diese Kombination hat den Häusermarkt schockiert. In Ontarios Provinzhauptstadt Toronto, Kanadas größter Metropolregion, brach die Zahl der Verkäufe von Wohnimmobilien um 40 Prozent gegenüber dem Juni ein. Nachdem die Preise in den Vormonaten bereits etwas nachgegeben und ein mögliches Ende des Preisfeuerwerks angekündigt hatten, lagen sie im Juli satte 19 Prozent unter denen vom April 2017, dem bisher teuersten Monat der Geschichte.

Katastrophenwarnungen dürften übertrieben sein, denn die Preiskorrektur erfolgt auf immer noch hohem Niveau: Auch die Preise vom Juli lagen immer noch fünf Prozent über denen des Vorjahresmonats. Doch könnte ein Abschwächen des Booms gerade angesichts der hohen Haushaltsverschuldung fatal für das Konsumklima sein.

Auch wenn es noch keinen Grund zur Panik gibt, als Warnung taugt der kanadische Immobilienmarkt allemal. Viele Faktoren, die zum Boom in Kanada geführt haben, existieren auch in Deutschland. Der größte Unterschied ist momentan noch, dass sich der Verschuldungsgrad der Verbraucher nicht verändert hat – die größte Sicherheit gegen die Gefahr einer platzenden Blase. Kanada zeigt Europa gerade, dass nicht nur die EZB bei der Normalisierung ihrer Zinspolitik größte Vorsicht walten lassen sollte, sondern auch, dass Korrekturen im Immobilienmarkt auch in gesunden und brummenden Volkswirtschaften auftreten können.