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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

„Sharing“ bleibt ein Fremdwort
Airbnb, Uber & Co. – mit der sogenannten Sharing Economy bietet sich Ökonomen ein interessantes neues Forschungsgebiet. Das Grundkonzept ist von bestechender Einfachheit: Vermittelt über Online-Plattformen bieten Eigentümer von Wohnungen, Autos oder Gebrauchsgegenständen diese zur Nutzung an, wenn sie sie nicht selbst benötigen – und wer eine Urlaubsunterkunft oder einen fahrbaren Untersatz braucht, kann diese gegen Geld vom Eigentümer „ausleihen“. Dabei ergibt sich zumindest theoretisch eine Win-Win-Win-Situation: Wer Dinge verleiht, verdient Geld damit und muss sie nicht ungenutzt herumstehen lassen. Und wer Dinge ausleiht, zahlt nur für die Nutzung und muss sie sich nicht selbst anschaffen. So werden letztlich auch Ressourcen effizienter genutzt und idealerweise noch die Umwelt geschont.

Bereits vor zwei Jahren untersuchte eine Studie der ING-DiBa die Einstellungen deutscher und europäischer Verbraucher zum Thema Sharing Economy. Dabei zeigte sich, dass nur wenige der Befragten mit diesem Begriff etwas anzufangen wussten. Zwar hatten europaweit 32 % und hierzulande 20 % schon einmal davon gehört. Jedoch gaben im europäischen Durchschnitt lediglich 4,6 % an, an der Sharing Economy teilgenommen zu haben; in Deutschland waren es sogar nur 2,1 %. Auf die konkrete Fragestellung, ob man in den vorangegangenen 12 Monaten Wohnung, Auto oder andere Dinge gegen Geld ver- oder ausgeliehen habe, antworteten hingegen europaweit bis zu 16 %, in Deutschland sogar bis zu 18 % mit „ja“ – offenbar konnten die Befragten diese Aktivitäten nicht dem Oberbegriff der Sharing Economy zuordnen.

 

 

Wie unser Chart der Woche zeigt, hat sich an diesen Feststellungen während der letzten zwei Jahre nur wenig geändert. Noch immer können viele Verbraucher in ganz Europa und vor allem in Deutschland mit dem Begriff wenig anfangen. Zwar erklärt ein größerer Anteil als vor zwei Jahren, zumindest schon einmal von der Sharing Economy gehört zu haben. Jedoch bleiben die selbst angegebenen Teilnahmeraten von mittlerweile 7 beziehungsweise 4 % weiterhin hinter den Anteilen der Verbraucher zurück, die auf konkrete Nachfrage bejahen, schon einmal Dinge gegen Geld ver- oder ausgeliehen zu haben. Diese begriffliche Unklarheit macht Ökonomen die Untersuchung des neuen Wirtschaftszweigs nicht einfacher, doch handelt es sich dabei eher um ein akademisches Problem. Tatsächlich wirft die Sharing Economy aber noch ganz andere Fragestellungen von deutlich größerer Relevanz auf.

Beispiel Uber: Ursprünglich an den Start gegangen als Portal für „Ride Sharing“, sprich Fahrgemeinschaften – ich nehme jemanden irgendwohin mit, wohin ich ohnehin fahre – macht die Plattform inzwischen eingesessenen Taxiunternehmen Konkurrenz, indem man sich jederzeit und überallhin ein Auto bestellen kann. Dabei sieht Uber sich selbst als reinen Vermittler zwischen Privatleuten und betrachtet daher weder seine Fahrer als Angestellte, noch will man sich den Bestimmungen für Taxiunternehmen unterwerfen. In zahlreichen Städten weltweit trägt das Unternehmen deshalb Rechtsstreitigkeiten mit örtlichen Verwaltungsbehörden aus.

Es sind also nicht nur Anlaufschwierigkeiten, sondern grundsätzliche Fragen, die die Sharing Economy auch im Hinblick auf die Arbeitswelt der Zukunft aufwirft. Ob Konsumenten ihre verliehene Bohrmaschine unter diesem Oberbegriff einordnen, klingt da zunächst wie eine Randnotiz – doch sollte diese begriffliche Unklarheit nicht davon abhalten, der Sharing Economy die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie mit ihrem disruptiven Potenzial verdient.